Evidence Based Medicine – alles nur Betrug?

Eine häufige Kritik, die Ärzte an sogenannten alternativen Therapien haben, ist, dass diese ja nicht Evidenz basiert, also durch Fakten belegt, seien. In der Schulmedizin ist die Evidenz Basierte Medizin (EBM) praktisch der heilige Gral, und ein Großteil der Ärzte ist überzeugt davon, dass sie dafür sorgt, dass die moderne Medizin ganz fest in der Wissenschaft verankert ist und weit über der Quacksalberei von Heilpraktikern und anderen medizinisch tätigen Berufsgruppen steht, die nicht auf diesen Prinzipien basiert.

Aber Moment – es sind nicht alle von dieser Aussage überzeugt.  Es gibt sogar Ärzte an exponierter Stelle, die die EBM für absolut wertlos halten. Zu diesen gehört zum Beispiel Richard Horton, der Chefredakteur einer der weltweit angesehensten medizinischen Zeitschriften, des Lancet, der 2015 erklärte:

„Was die Wissenschaft angeht, ist es ganz einfach: vieles in der wissenschaftlichen Literatur – möglicherweise die Hälfte davon – ist einfach nicht wahr.“

Und Dr. Marcia Angell, die frühere Chefredakteurin des New England Journal of Medicine, schriebe schon 2009:

„Es ist einfach nicht mehr möglich, vielen der klinischen Studien zu glauben, die veröffentlicht werden, oder sich auf die Urteile von vertrauenswürdigen Ärzten  oder autoritären medizinischen Leitlinien zu verlassen. Diese Feststellung, zu der ich langsam und zögerlich während meiner 20-jährigen Tätigkeit als Redakteurin gekommen bin, macht mir wirklich keine Freude.“

Tja, da können Sie als Patient doch nur hoffen, dass Ihr Arzt die richtigen Studien gelesen hat. Aber die Wahrscheinlichkeit ist relativ gering.

Die Pharmaindustrie hat die Ärzteschaft und die Universitäten fest im Griff

Das Bild ist nicht gerade hübsch. Wir haben eine Entwicklung, in der Pharmaunternehmen mit Ärzten und medizinischen Institutionen fest verwoben sind. Dies führt dazu, dass nicht nur ärztliche Behandlungen, sondern auch die Lehre und Forschung von der Pharmaindustrie bestimmt werden.

Die zitierten Chefredakteure mussten im Laufe ihres Berufslebens feststellen, dass ihr Lebenswerk langsam aber beständig korrumpiert wurde. Ärzte und Universitäten lassen sich von der Pharmaindustrie bezahlen. Wir haben jetzt zwar ein Antikorruptionsgesetz, das genau diese Auswüchse verhindern soll, aber glauben Sie mir, die werden dadurch nicht abgestellt.

Nur um hier ein Beispiel zu nennen. Die Forschung wird zu einem großen Teil von der Pharmaindustrie bezahlt. Und Überraschung – diese Studien haben häufiger positive Ergebnisse als Studien, die von pharmaunabhängigen Stellen durchgeführt werden (1).

Verzerrung der Effektivität von Therapien durch selektive Veröffentlichung von Studien

Und dann ist da noch das Problem, dass durchaus nicht jede durchgeführte Studie auch veröffentlicht wird. Stellt sich nämlich heraus, dass das Ergebnis für die Industrie eher negativ ist, so wird die Studie halt nicht zur Veröffentlichung eingereicht. Das Problem, das sich daraus ergibt, ist, dass die Wirksamkeit von Therapien völlig falsch eingeschätzt wird, weil das negative Feedback fehlt.

So berichtet ein Artikel im New England Journal of Medicine, dass 36 von 37 Studien zu Antidepressiva zur Veröffentlichung eingereicht wurden, die ein positives Ergebnis hatten, während bei einem negativen Ergebnis nur 3 von 36 Studien eingereicht wurden (2). Und wer entscheidet, ob eine Studie veröffentlicht wird oder nicht – eben, die Pharmaunternehmen. Mal ehrlich, die wären doch total blöd, wenn sie Studien veröffentlichen, die ihren Produkten schaden. Schließlich haben sie eine Verpflichtung gegenüber ihren Aktionären. Sie sind keine Wohltäter für Patienten. Das sollten Sie sich klar machen.

Und das wirft dann die Frage auf, warum wir die Evidence Based Medicine immer noch für unantastbar halten, wo doch eigentlich jedem klar sein muss, dass die Ergebnisse zum großen Teil einfach völlig verzerrt dargestellt werden. Denn wenn nur positive Ergebnisse veröffentlicht werden und negative unter den Tisch fallen, ergibt sich natürlich für den Erfolg der Behandlung ein völlig falsches Bild. Und doch werden Personen, die diesen Kult um die EBM anzweifeln als „unwissenschaftlich“ abgestempelt.

Manipulierte Ergebnisse

Bis zum Jahr 2000 brauchten Firmen bei medizinischen Tests nicht vorher festlegen, was eigentlich getestet werden sollte. Frei nach dem Motto: Wir testen unterschiedliche Endpunkte,  gucken mal, was sich so ergibt, und das veröffentlichen wir dann. Und da immer viele verschiedene Endpunkte gemessen wurden, ließ sich auch immer irgendein positives Ergebnis finden.

Welches Ausmaß dieses Rosinenpicken hatte, zeigt sich darin, dass bis zum Jahr 2000 57 Prozent der Studien ein positives Resultat aufwiesen, während es danach gerade einmal 8 Prozent waren. Wissenschaft sollte doch wohl anders aussehen.

Als Studien getarnte Werbung

Besonders infam sind wahrscheinlich Veröffentlichungen in angesehenen medizinischen Zeitschriften, die eigentlich nur als Werbung für Medikamente angesehen werden können. Wenn Angestellte und Ärzte, die von Pharmaunternehmen größere Summen erhalten, bei Untersuchungen zu dem Schluss kommen, dass die Medikamente dieser Unternehmen nur sehr geringe Nebenwirkungen haben, dann muss man sich schon fragen, wie objektiv diese Aussagen wohl sind. Als Beispiel sei hier nur eine Übersichtsarbeit über das Risiko einen Bruch des Oberschenkelhalses unter der Einnahme von Bisphosphonaten zu erleiden (Medikamente, die zur Erhaltung der Knochendichte verabreicht werden), genannt. Sieht man sich die Interessenkonflikte der Autoren an, kann man dem Ergebnis eigentlich keinen Glauben mehr schenken (3). Dummerweise sehen sich die meisten Ärzte aber nicht an, wer welche Interessenkonflikte hat, sondern gehen davon aus, dass Artikel in medizinischen Zeitschriften objektiv sind. Schließlich gehen sie durch ein Peer-Review Verfahren, das bedeutet, sie werden von einem Gutachtergremium gegen gelesen, das aus Wissenschaftlern des gleichen Fachgebiets besteht. Genau genommen ist diese Annahme aber natürlich lachhaft, denn die Zeitschriften finanzieren sich unter anderem durch die Werbung der Pharmaunternehmen. Womit wir wieder beim Geld wären.

Bestechung von Redakteuren medizinischer Zeitschriften

In Deutschland wird ja inzwischen angeprangert, dass viele Ärzte Geld und andere Geschenke von Pharmaunternehmen annehmen. Was aber eigentlich niemand auf dem Radar hat, ist dass auch Redakteure medizinischer Zeitschriften teilweise hohe Geldzuwendungen von der Pharmaindustrie erhalten (4). Und diese Redakteure spielen wiederum eine wichtige Rolle bei der Frage, welche Manuskripte veröffentlicht werden sollen, und sie bestimmen auch, wer als Peer Reviewer eingesetzt wird. Nun ja, wie meine Oma schon immer sagte: „Wer gut schmiert, der gut fährt.“

Evidence Based Medicine – der Verfall eines hohen Anspruchs

Ich denke, dass die Angehörigen von Gesundheitsberufen nach diesen Ausführungen verstehen, warum das System – so wie es jetzt läuft – nicht funktioniert. Und auch dem Laien sollte das klar sein. Evidence Based Medicine ist absolut abhängig von einer seriösen Faktenbasis (Studien). Wie die obigen Beispiele aber belegen, existiert diese nicht (oder nicht mehr). Es wechselt einfach zu viel Geld den Besitzer, und deshalb wäre es verkehrt unsere sogenannte auf  Fakten basierende Medizin als allein glückselig machend anzusehen. Hinterfragen Sie also wenn Ihr Arzt Ihnen erklärt, dass Studien beweisen, dass das Medikament, das er Ihnen verschreiben will, die wirksamste Behandlung Ihrer Erkrankung darstellt. Die Chefredakteure des Lancet und des NEJM stellen diese Evidence Based Medicine in Frage, und das sollten Sie auch tun. Und vielleicht weisen Sie Ihren Arzt einfach mal auf die Schwachstellen hin. Wer weiß, vielleicht bringen Sie damit sogar einen Stein ins Rollen.

Die Tatsache, dass wir jetzt ein Antikorruptionsgesetz für Ärzte haben, spricht Bände (allerdings würden mir da einige andere Berufsgruppen einfallen, die das auch mehr als nötig hätten). Es wäre aber sehr naiv zu glauben, dass mit diesem Gesetz die Missstände abgestellt werden. Es wird halt nur nicht mehr so offensichtlich bestochen. Die Unternehmen finden auf jeden Fall einen Weg, Ärzte dafür zu bezahlen, dass sie mehr Tabletten verschreiben, mehr Prothesen einbauen etc. Im Zweifelsfall geht es auch nur darum, sich mit seinem Produkt an die vorderste Stelle der Nahrungskette zu stellen. Der Hauptantrieb ist jedenfalls nur eins: Mehr Geld. Es ist eine traurige, aber durchaus bekannte Wahrheit: Keiner beißt die Hand, die ihn füttert (5).

Und die Ärzte, die nicht am großen Futtertrog sitzen, weil ihre Namen nicht bekannt genug sind und sie nicht als Meinungsbildner auf Kongressen auftreten, nun, von denen sind wirklich die meisten noch überzeugt, dass unser System der Evidence Based Medicine funktioniert.

Wer mehr über die Machenschaften der Pharmaunternehmen, aber auch der Nahrungsmittelindustrie erfahren möchte, der sollte sich diese Aussprache vor dem Europäischen Parlament ansehen: Killing for Profit. Ich verspreche Ihnen, das wird Ihren Blickwinkel auf zwei große Industriezweige, die unser Leben beherrschen, völlig verändern.

 

(1) Outcome reporting among drug trials registered in ClinicalTrials.gov.  https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/20679560

(2)Selective Publication of Antidepressant Trials and Its Influence on Apparent Efficacy  https://www.nejm.org/doi/full/10.1056/NEJMsa065779#t=abstract

(3)Bisphosphonates and Fractures of the Subtrochanteric
or Diaphyseal Femur  https://www.nejm.org/doi/pdf/10.1056/NEJMoa1001086

(4) Payments by US pharmaceutical and medical device manufacturers to US medical journal editors: retrospective observational study   https://www.bmj.com/content/359/bmj.j4619

(5) Association between industry affiliation and position on cardiovascular risk with rosiglitazone: cross sectional systematic review.   https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/20299696

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