Wie das Sterben der Insekten unser Leben beeinflusst

InsektenErinnern Sie sich noch – wenn man früher mit dem Auto über Land gefahren ist, dann war die Windschutzscheibe hinterher voller Insekten. Ist Ihnen schon mal aufgefallen, dass das heute nicht mehr der Fall ist? Jetzt kann man sagen: „Super, dann braucht man hinterher die Scheibe nicht mehr zu putzen.“, aber so toll ist das eigentlich gar nicht. Tatsächlich handelt es sich bei diesem „Windschutzscheiben Phänomen“ – wie es von Entomologen genannt wird, um eine Warnung, dass unsere Umwelt in großer Gefahr ist. Die Insekten verschwinden direkt vor unseren Augen in einer Anzahl, die eigentlich jedem einen gehörigen Schreck einjagen sollte.

76 Prozent der Fluginsekten sind in den letzten 27 Jahren verschwunden

Abnahmen in der Anzahl von bestimmten Insektengruppen wie Bienen, Schmetterlingen und sogar Motten sind schon seit einiger Zeit beobachtet worden berichten Forscher einer Studie, die im Oktober in PLOS 1 veröffentlicht wurde (1).

In ihrer Studie untersuchten sie jedoch die gesamte Biomasse der Fluginsekten in Naturschutzgebieten in Deutschland über einen Zeitraum von 27 Jahren, um einen größeren Überblick zu erhalten. Sie benutzten Malaise Fallen – zeltähnliche Fallen, die zum Fangen von Fluginsekten eingesetzt werden – um die Insektenzahlen in den Jahren von 1989 – 2016 zu bestimmen.

Das erschreckende Ergebnis – über das Jahr bestand ein 76 prozentiger Rückgang, während in den Sommermonaten der Abfall sogar 82 % betrug. Der Rückgang bestand unabhängig vom Lebensraumtyp und konnte nicht nur durch eine Änderung der Wetterbedingungen, der Landnutzung oder unterschiedlicher Lebensraumcharakteristika erklärt werden. Die Untersucher kommen zu dem Schluss:

„Der Verlust der Insektenvielfalt wird erwartungsgemäß einen Kaskadeneffekt auf die Nahrungskette haben und Ökosystem Dienstleistungen gefährden… Dieser bisher unerkannte Verlust an Insektenbiomasse muss berücksichtigt werden, wenn Rückgänge in der Artenvielfalt bewertet werden, die auf Insekten als Nahrungsquelle angewiesen sind.“

Also sind saubere Windschutzscheiben absolut kein Grund zur Freude. Es wird angenommen, dass 80 Prozent der Wildpflanzen für ihre Befruchtung auf Insekten angewiesen sind und für 60 Prozent der Vögel bilden sie die Nahrungsgrundlage. Die „Ökosystem Dienstleistungen“ der Insekten erreichen allein in den USA eine Summe von 57 Milliarden Dollar. Es sollte also im allgemeinen Interesse liegen die Insektenvielfalt und -fülle zu bewahren.

Und es sind eben nicht nur die Bienen und Schmetterlinge, die verschwinden. Die Studienautoren beschreiben den Rückgang als „alarmierend“ vor allem deshalb, weil die Probensammlung in Naturschutzgebieten stattfand, die eigentlich ein funktionierendes Ökosystem und die Artenvielfalt bewahren sollen. Und doch waren fast alle (94 Prozent) der Naturschutzgebiete von landwirtschaftlichen Nutzflächen umgeben. Ein Umstand, der uns sicherlich einen Hinweis darauf gibt, warum die Insekten verschwinden.

Intensivierter Ackerbau könnte dafür verantwortlich sein, dass Insekten in alarmierenden Zahlen sterben

Die Untersucher versuchten Gründe für das massive Insektensterben zu finden. Es zeigte sich, dass Landschafts- und Klimaänderungen keine starke Korrelation zur Abnahme der Insektenbiomasse aufwiesen. Daraufhin kamen sie zu der Vermutung, dass andere umfangreiche Faktoren – wie zum Beispiel ein intensivierter Ackerbau – mit dazu beigetragen haben könnten.

„Intensivierter Ackerbau (d.h. Pestizideinsatz, ganzjährige Bodenbearbeitung, vermehrter Einsatz von Düngemitteln), den wir nicht in unserer Analyse berücksichtigen konnten, könnte ein plausibler Grund sein…. Ein Teil der Erklärung könnte daher sein, dass die Naturschutzgebiete durch die Ackerflächen beeinflusst werden , indem sie als Abflüsse oder ökologische Fallen dienen. Die intensivierte Landwirtschaft ist mit einer Abnahme in der Artenvielfalt von Pflanzen, Insekten, Vögeln und anderen Spezies in der heutigen Landschaft assoziiert.“

Die Studie war zwar nicht darauf angelegt herauszufinden, was den Rückgang bei den Insekten hervorruft, aber der zunehmende Einsatz von landwirtschaftlichen Chemikalien zählt sicherlich zu den Hauptverdächtigen.

So reduzierte sich zum Beispiel die Anzahl des Monarch Schmetterlings seit 1996 um 90 Prozent. Seit der Einsatz von Glyphosat stark angestiegen ist, gingen die Seidenpflanzen zurück, die die einzige Pflanze sind, auf der der Schmetterling seine Eier ablegt. 2013 wurde berechnet, dass im Vergleich zum Jahr 1999 nur noch 1 Prozent der gemeinen Seidenpflanze in Mais- und Sojafeldern vorkam. Diese Pflanze wird nämlich dummerweise durch Glyphosat abgetötet (2).

Neonicotinoid Pestizide werden für die Abnahme von Bienen, Schmetterlingen und Raubinsekten verantwortlich gemacht

Neonicotinoide, die bei intensiviertem Ackerbau großflächige Verwendung finden, werden schon seit längerem für den Tod von Bienen verantwortlich gemacht. Betroffen sind vor allem die kommerziell gezüchteten Bienen wie Honigbienen und Hummeln, aber auch Wildvölker könnten negativ beeinflusst werden (3).

Neonicotinoide sind die weltweist meistgebrauchten Insektizide. Sie befinden sich in allen Pflanzenteilen. Man geht davon aus, dass sie ein unakzeptables Risiko für Bienen darstellen. Die EU Kommission beratschlagt deshalb über ein Verbot dieser Stoffe (4).

Forscher der Universität Nevada untersuchten 67 Schmetterlingsarten an vier Orten über 20 Jahre (5). An allen untersuchten Orten waren Abnahmen der Schmetterlingszahlen deutlicher mit dem Einsatz von Neonicotinoiden verbunden als mit irgendwelchen anderen Faktoren.

Auch die Zahl der Raubinsekten ist rückläufig. Und auch diese spielen eine wichtige Rolle im Ökosystem indem sie der Landwirtschaft Milliarden Dollar pro Jahr sparen, weil sie Ernteschädlinge ausmerzen (6).

Was passiert, wenn Honigbienen und andere Fluginsekten verschwinden?

Es ist extrem wichtig, dass wir Schritte unternehmen, um die Bienen, Schmetterlinge und andere Bestäuber zu schützen. Immerhin sind sie notwendig, um 80 Prozent der blühenden Pflanzen zu bestäuben. Das heißt umgerechnet, sie sorgen für etwa 1/3 unserer Nahrungsmittel (und wenn Sie viel Obst und Gemüse essen sogar noch mehr).

Zu den Pflanzen, die auf die Bestäubung durch Insekten angewiesen sind, gehören unter anderem:

  • Äpfel
  • Karotten
  • Limetten, Zitronen
  • Zucchini
  • Gurken
  • Blumenkohl, Brokkoli
  • Zwiebeln
  • Auberginen
  • Mangos
  • Melonen
  • Grünkohl
  • Sellerie, Lauch.

Wollen Sie also nährstoffreiche Gemüse essen, dann sind Sie absolut auf Insekten angewiesen. Und wenn Sie gerne Lachs essen, so verdankt dieser sein Wachstum einer kleinen Fliege, die er frisst, wenn er jung ist. Unser ganzer Planet baut auf Pflanzen und Insekten auf. So einfach ist das. Und deshalb sollten wir langsam mal anfangen uns Gedanken zu machen.

Der Einsatz von Chemikalien in der Landwirtschaft muss deutlich reduziert werden

Chemikalien werden großflächig angewendet, aber ihr Einsatz kann vermindert werden – ohne den Ertrag zu schmälern. Laut einer Untersuchung der amerikanischen Umweltbehörde (EPA) bringt der Einsatz von Neonicotinoiden auf Sojafeldern keinen signifikanten finanziellen oder Ertragsvorteil für die Bauern (7).  Es gibt andere Blattinsektizide, die Schädlinge genauso gut bekämpfen wie die Neonicotinoide, mit denen die Samen behandelt werden, und mit weniger Risiken.
Andere Studien kommen zu dem Ergebnis, dass eine Reduzierung der Pestizide sogar dazu führen könnte, dass Ernteausfälle vermieden werden (8). Der Grund dafür ist, dass Neonicotinoide Insekten töten, die ansonsten die Fressfeinde der Pflanzen fressen würden. Wenn es also unter dem Einsatz von Pestiziden zum Befall kommt, so ist dieser häufig deutlich schwerer.
Noch besser, eine Studie zeigt auf, dass eine ökologisch-basierte Landwirtschaft, die Sojabohnen Blattläuse ohne Pestizide behandelt, den Farmern in vier US Staaten fast 240 Millionen Dollar  jährliche Verluste einsparen würde (9). Dummerweise ist es für Bauern aber schwierig, Samen zu kaufen, die nicht mit Neonicotinoiden behandelt wurden.
Soll der Einsatz von Pestiziden abgebaut werden, so ist eine integrierte Schädlingsbekämpfung (Integrative Pest Management = IPM) notwendig. 2015 zeigte eine Studie, dass IPM den Pestizideinsatz verringerte und gleichzeitig die Ernteerträge erhöhte (10). Einige der 24 untersuchten Staaten konnten auf den Einsatz von Pestiziden sogar komplett verzichten.

Aufbau von Grasland und der Konsum von Weidetieren sind essentiell für die Artenvielfalt und den Schutz der Insekten

Jeder weiß, dass die Rodung, die zum Verlust großer Teile des Regenwaldes führt, katastrophale Auswirkungen auf die Umwelt hat. Weniger bekannt ist, dass zum Beispiel die amerikanischen Prärien genauso artenreich und wichtig für das Ökosystem sind wie die Regenwälder – und sie sind genauso bedroht. Seit den frühen 1800-er Jahren, sehen wir einen Verlust von 79 Prozent der Präriefläche – in einigen Gegenden sogar 99,9 Prozent (11). Und wer hat sich auf dieser Fläche angesiedelt? Nun, vorwiegend handelt es sich um große Felder mit gentechnisch verändertem Soja und Mais, die immer auch mit entsprechend vielen Chemikalien behandelt werden (können sie ja schließlich ab). Ein Bericht des US Geographical Survey erklärt, warum das so tragisch ist (12):
„Grasländer gehören zu den biologisch produktivsten Gemeinschaften. Ihre hohe Produktivität beruht auf der hohen Speicherung von Nährstoffen, effizientem biologischen Recycling und einer Struktur, die aus einer Vielzahl von tierischen und pflanzlichen Lebensformen besteht…
Grasländer sind auch sehr wertvoll für Wasserscheiden und stellen Nahrungs- und Lebensgrundlage für viele Haus- und Wildtiere dar. Allerdings übertreffen die jetzigen Erosionen in Nordamerika die Kapazität der Prärieerde den Boden- und Nährstoffverlust auszugleichen, und stellen damit eine Bedrohung für einen Rohstoff dar, der unabdingbar für das Leben künftiger Generationen ist.“

Wahnsinn, dass der Spiegel schon vor 35 Jahren darauf hingewiesen hat, dass die amerikanischen Landwirte massiv dazu beitragen, dass fruchtbares Ackerland verödet (13) – und es ist nur noch schlimmer geworden. Im amerikanischen Mittelwesten werden im Wechsel GE Mais und Soja angebaut und in riesigen Mastbetrieben Fleisch erzeugt – mit katastrophalen Folgen für Mensch und Umwelt.

Diesen Teufelskreis durchbrechen wir nur, wenn der Konsument sich wieder Gedanken über die Herkunft seiner Nahrung macht. Lassen Sie die Massenware im Supermarkt. Schweinefleisch für 3,99 Euro das Kilo ist nicht gesund, genauso wenig wie die chemiebeladenen Gemüse, die Sie zu Schleuderpreisen hinterher geworfen bekommen. Gehen Sie auf den Markt und unterhalten Sie sich dort mit den Bauern. Finden Sie einen, der vielleicht nicht bio-zertifiziert ist, aber trotzdem nach ökologischen Maßstäben anbaut. Und dann unterstützen Sie ihn, damit wir auch weiterhin noch eine ökologische Landwirtschaft haben. Unternehmen wie Monsanto setzen gerade alles daran, uns diese Wahl zu nehmen. Wenn es nach ihnen ginge, würden wir uns unsere Umwelt im Labor heranziehen. Was für ein grausiger Gedanke!

 

 

(1)  More than 75 percent decline over 27 years in total flying insect biomass in protected areas   http://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0185809

(2) Monarchs in Peril. http://www.centerforfoodsafety.org/files/cfs-monarch-report_2-4-15_design_05341.pdf

(3) Impacts of neonicotinoid use on long-term population changes in wild bees in England.   https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/27529661

(4) https://www.topagrar.com/news/Acker-Agrarwetter-Ackernews-Neonicotinoide-EU-Kommission-fuer-vollstaendiges-Verbot-8336514.html

(5) Increasing neonicotinoid use and the declining butterfly fauna of lowland California  http://rsbl.royalsocietypublishing.org/content/12/8/20160475

(6)  http://news.psu.edu/story/440914/2016/12/07/research/common-insecticides-are-riskier-thought-predatory-insect

(7) https://www.epa.gov/sites/production/files/2014-10/documents/benefits_of_neonicotinoid_seed_treatments_to_soybean_production_2.pdf

(8) http://civileats.com/2015/04/29/how-seed-and-pesticide-companies-push-farmers-to-use-bee-killing-insecticides/

(9) Increasing corn for biofuel production reduces
biocontrol services in agricultural landscapes http://www.pnas.org/content/105/51/20552.full.pdf?with-ds=yes

(10) Integrated Pest Management for Sustainable Intensification of Agriculture in Asia and Africa   http://www.mdpi.com/2075-4450/6/1/152

(11) https://undark.org/article/saving-americas-broken-prairie/

(12) U.S. Geological Survey, Status and Trends of the Nation’s Biological Resources, Volume 2    https://www.nwrc.usgs.gov/sandt/Grasslnd.pdf

(13) Akt der Dummheit  http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-14347277.html

Gekaufte Wissenschaft -Monsanto bezahlt Studien, die die Harmlosikgkeit von Glyphosat nachweisen sollen

Na, das war ja dann ein ziemlicher Schlag ins Kontor.  Am 23. März 2017 wurde in Wien der Bericht „Glyphosat und Krebs: Gekaufte Wissenschaft“ vorgestellt. Er zeigt auf, wie Monsanto und andere Glyphosat-Hersteller wissenschaftliche Belege zu Gesundheitsgefahren des Unkrautvernichters manipuliert haben. Damit wollen die Agrar-Konzerne ein Verbot des Wirkstoffs in der EU verhindern (1).

Seit März 2015 hat die WHO-Krebsforschungsagentur (IARC) Glyphosat als „wahrscheinlich krebserregend für den Menschen“ klassifiziert. Dies brachte die Konzerne unter Handlungsdruck. Immerhin wurde die 2016 anstehende Neuzulassung von Glyphosat von 10 Jahren auf erstmal 18 Monate gekürzt, um weitere Belege für oder gegen diese Einstufung zu sammeln. Um nun zu verhindern, dass Glyphosat die Zulassung in der EU verliert, finanzierten die Hersteller eine Reihe von Studien zur Gefährlichkeit von Glyphosat, die in Wissenschaftsjournalen veröffentlicht wurden.

Verbraucher sollen in die Irre geführt werden

„Die Bemühungen der Hersteller und Behörden, Glyphosat entgegen den Beweisen für dessen krebserzeugende und erbgutschädigende Wirkung gegen ein Verbot zu verteidigen, ist wissenschaftlich unseriös und von ernsthaften Interessenskonflikten geprägt“, so Dr. Peter Clausing, Toxikologe und Mitautor des von der österreichischen Organisation Global2000 veröffentlichten Berichts. So wurden unter anderem wichtige Informationen weggelassen und stattdessen irrelevante Daten präsentiert. Dadurch wurden Sachverhalte verzerrt, Leser in die Irre geführt und wissenschaftliche Beweise geleugnet. Dies wird in dem Bericht „Gekaufte Wissenschaft“ nachgewiesen (2).

Die Behörden, die in das Zulassungsverfahren von Pestiziden involviert sind – darunter das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR), die europäische Lebensmittelbehörde (EFSA) und die europäische Chemikalienagentur (ECHA) – haben diese Studienergebnisse unkritisch übernommen. Sie kommen folglich ebenfalls zu dem Schluss, dass Glyphosat kein Risiko für die Gesundheit darstellt.

Und das stellt für uns als Verbraucher ein absolutes Desaster dar, denn wie wir unsere liebe Agrarindustrie kennen, wird jetzt immenser Druck auf die Politiker ausgeübt werden, Glyphosat als „harmlosen“ Unkrautvernichter auf längere Zeit wieder zuzulassen.

„Monsanto hat erheblichen Einfluss auf Studien zu Glyphosat genommen, die die Grundlage für die Bewertung durch europäische Behörden waren. Deshalb hat die von der ECHA in der letzten Woche ausgesprochene Entwarnung für das Pestizid ein massives Glaubwürdigkeitsproblem. Die Bundesregierung darf der ECHA-Bewertung deshalb nicht folgen und muss in Brüssel gegen die Wiederzulassung von Glyphosat stimmen“, so Christine Vogt, Referentin für Landwirtschaft am Umweltinstitut München e.V..

Das Umweltinstitut München hat gemeinsam mit vielen anderen Organisationen eine Europäische Bürgerinitiative (EBI) gestartet, mit der ein EU-weites Glyphosat-Verbot und der Schutz der Menschen und der Umwelt vor gefährlichen Pestiziden gefordert wird. Dieser Forderung haben sich bereits mehr als 500.000 Menschen aus ganz Europa angeschlossen.

Ein Formular der Petition kann hier heruntergeladen werden.

Kampf an mehreren Fronten

In den USA läuft wegen der von Glyphosat ausgehenden Krebsgefahr gerade eine Massenklage gegen Monsanto. Jetzt wurde bekannt, dass die EPA (Environmental Protection Agency = Umweltschutzbehörde) und Monsanto sich wohl zusammengetan haben, um zu verhindern dass ein ehemaliger EPA Mitarbeiter in diesem Gerichtsverfahren unter Eid aussagen muss (3).

Und es geht um viel. Die Rechtsanwälte einer Gruppe von Krebspatienten klagen Jess Rowland an, der ein früherer Vertreter in der EPA für das Pestizid-Programm war, dass er ethische Regeln gebrochen habe und mit Monsanto in einer großangelegten Vertuschung der Krebsrisiken von Glyphosat zusammengearbeitet habe.

 

Jess Rowland – käuflich und korrupt

Es wurden über 50 Klagen eingereicht, die Monsanto beschuldigen, nicht davor gewarnt zu haben, dass ihr Unkrautvernichtungsmittel Roundup (mit dem aktiven Bestandteil Glyphosat) Non-Hodgkin Lymphome (Lymphdrüsenkrebs) auslösen kann (4).

Während seiner Zeit bei der EPA arbeitete Rowland als Vorsitzender des Cancer Assessment Review Committee (also eines Prüfungsausschusses für die Beurteilung von Krebserkrankungen). Genau dieser Ausschuss kam zu dem Schluss, dass es „nur unzulängliche Beweise gäbe, die Glyphosat mit Krebserkrankungen in Zusammenhang bringen könnten“ und somit feststellte, dass es „unwahrscheinlich ist, dass es beim Menschen als Karzinogen (Krebsauslöser) wirken könnte“ (5).

Dieser Bericht wurde im letzten Mai der Presse zugespielt – was bei Monsanto ganz sicher zu Freudensprüngen geführt hat. Die Firma setzte alle Hebel in Bewegung, damit er publiziert wird, um so weitere Aktionen gegen Glyphosat zu verhindern. Nachdem der CARC Bericht bei der Presse gelandet war, verließ Rowland nur Tage später die EPA.

Die Anwälte der Kläger behaupten nun, dass Rowland mit dem Biotechnologie Giganten Hand in Hand gearbeitet hat, um das Krebsrisiko von Glyphosat zu verschleiern.

Die EPA weigert sich, Rowland unter Eid aussagen zu lassen

Ein Bundesrichter möchte veranlassen, dass Rowland über seine intimen Verbindungen zu Monsanto befragt werden kann – ebenso wie über seine angeblichen Versuche, Informationen zurückzuhalten. Die Anwälte der Kläger gehen davon aus, dass Rowland eine unzulässige und „höchst verdächtige“ Beziehung zu Monsanto hatte, die ethische Regeln und Vorschriften zumindest sehr weit gespannt, zum Teil aber auch gebrochen habe.

Bisher weist die EPA diese Vorderung zurück und behauptet, es läge nicht im Interesse der Behörde, Rechtsanwälten zu erlauben Rowland zu befragen. Ein US Bezirksrichter scheint aber nicht abgeneigt, so eine Befragung zuzulassen.

Monsanto versucht, die öffentliche Enthüllung von geheimen Dokumenten zu verhindern

Im Gegensatz zu den Anstrengungen, die sie unternommen haben, um den CARC Report veröffentlicht zu bekommen, ist Monsanto von der Idee, dass sie interne Dokumente herausgeben sollen wohl nicht so begeistert. Vor allem möchte man natürlich nicht die Dokumente herausgeben, die Absprachen zwischen Monsanto und Rowland betreffen.

Die Herausgabe von internen Dokumenten wurde jedoch erzwungen, aber das Unternehmen bestand darauf, dass etwa 85 Prozent dieser Unterlagen vertraulich behandelt werden sollten, da es sonst zu „unfairen Vorurteilen“  und zu „Rufschädigung“ in der Öffentlichkeit kommen könnte (welcher Ruf soll da denn noch geschädigt werden?).

Die Klägeranwälte haben nun darauf hingewiesen, dass die EPA aus Steuergeldern finanziert wird und deshalb die Überprüfung einer Zusammenarbeit der EPA mit Monsanto im öffentlichen Interesse sei. Sie behaupten, dass die Unterlagen beweisen, dass Rowlands primäres Ziel darin bestand, „den Interessen von Monsanto zu dienen“ und führen an, dass „Entscheidungen, die das öffentliche Gesundheitswesen betreffen, nicht auf geheimen Absprachen zwischen Monsanto und EPA Vertretern basieren sollten“.

Ein sehr emotionaler Brief

Der größte Hammer wird aber wohl ein Brief sein, den die Klägeranwälte in ihrem Besitz haben.

Am 4. März 2013 schrieb Toxikologin Marion Copley, eine ehemalige Kollegin Rowlands in der EPA, ihm einen Brief, in dem sie ihn bat, Glyphosat von einem „möglichen“ Karzinogen in ein „wahrscheinliches“ Karzinogen zu reklassifizieren (5). Das entspricht übrigens genau der Klassifizierung der WHO. Der eindrucksvollste Part ist wohl:

„…Höre mir einmal im Leben zu und hör auf deine politischen Verschwörungsspiele mit der Wissenschaft zu spielen, um die eingeschriebenen Personen (also bestimmte Firmen, Anm.) besser dastehen zu lassen. Tue einmal das Richtige und treffe keine Entscheidungen aufgrund dessen, wie es deinen Bonus beeinflusst…“

Desweiteren beschuldigt Copley Rowland, Mitarbeiter unter Druck gesetzt zu haben, ihre Berichte über Glyphosat abzuändern, und dass er Monsanto dabei geholfen habe, die Veröffentlichung solcher Berichte zu verhindern.

Monsanto sieht keinen Grund, sich zu entschuldigen

Monsanto weicht natürlich weiterhin nicht von ihren althergebrachten Äußerungen ab: “ Es gibt keine Beweise, dass Glyphosat Non-Hodgin Lymphome verursacht“. Es hat eine „langjährige und sichere Anwendungsgeschichte“.

Das passt so gar nicht dazu, dass viele Gesundheitsexperten warnen, dass Glyphosat mit einer ganzen Reihe von Krankheiten in Zusammenhang gebracht wird, unter anderm Nierenschäden, Leberschäden, Geburtsdefekten und Krebserkrankungen. Und das ist nur der Anfang der Liste.

Und in Anbetracht dieser Datenlage soll uns hier erzählt werden, das Zeug sei absolut sicher? Für wie verblödet müssen die uns halten?

 

 

(1) http://www.shz.de/deutschland-welt/wirtschaft/monsanto-will-ein-glyphosat-verbot-verhindern-id16411396.html

(2) http://www.umweltinstitut.org/fileadmin/Mediapool/Aktuelles_ab_2016/2017/2017_03_23/Glyphosat_und_Krebs_Gekaufte_Wissenschaft_D-2.pdf

(3) https://www.bloomberg.com/news/articles/2017-02-27/monsanto-cancer-suits-turn-to-alleged-whitewash-by-epa-official

(4) http://www.ewg.org/agmag/2014/05/study-glyphosate-doubles-risk-lymphoma

(5) GLYPHOSATE: Report of the Cancer Assessment Review Committee. http://src.bna.com/eAi.

Die EPA und Monsanto – Ziemlich beste Freunde

Bei meinen Recherchen über Glyphosat bin ich auf diesen Brief von Marion Copley, einer Toxikologin der EPA gestoßen, den sie ein Jahr vor ihrem Tod an ihren Kollegen Jess Rowland geschrieben hat. Dieser soll jetzt in einer Massenklage von Krebspatienten über die Verstrickungen der EPA und Monsanto aussagen.

Ich finde diesen Brief so schockierend, dass ich ihn unbedingt allen Interessierten zum Lesen zur Verfügung stellen wollte.

 

Die Übersetzung

 

Jess,

seit ich die EPA verlassen habe, weil ich an Krebs erkrankt bin, habe ich den Tumorprozess ausgiebig studiert, und ich habe einige Bemerkungen zu den Mechanismen zu machen, die sehr wertvoll für die CARC sein können, die sich auf meine jahrzehntelangen Erfahrungen in der Pathologie (Krankheitslehre) gründen. Ich nehme eine Substanz, um meine Punkte aufzuzeigen.

Glyphosat wurde ursprünglich als Chelator entwickelt und ich glaube fest, das ist genau der Prozess, der zur Tumorentstehung führt, was von der Literatur sehr unterstützt wird.

  • Chelatoren verhindern die Apoptose, den Prozess, durch den unser Körper Tumorzellen normalerweise tötet.
  • Chelatoren sind endokrine Disruptoren (hormonähnlich wirkende Stoffe, Anm.), die bei der Entstehung von Tumoren mitwirken.
  • Glyphosat führt zum Wachstum von Lymphozyten
  • Glyphosat führt zur Bildung freier Radikale
  • Chelatoren hemmen die Funktion von Enzymen, die freie Radikale abbauen, und für ihre Aktivität Zink, Kupfer oder Mangan benötigen (d.h. SODs)
  • Chelatoren binden Zink, das für die Funktion des Immunsystems benötigt wird
  • Glyphosat ist genotoxisch (mutagen), ein Hauptmechanismus für Krebs
  • Chelatoren hemmen die DNA Reparaturenzyme, die metallische Cofaktoren benötigen
  • Chelatoren binden Calcium, Zink, Magnesium usw. und führen in den Lebensmitteln zu einem Mangel dieser lebenswichtigen Nährstoffe
  • Chelatoren binden Calcium, das für die Calcineurin-vermittelte Immunantwort benötigt wird
  • Chelatoren führen häufig zu Nieren- oder Pankreasschäden, so wie Glyphosat es auch tut. Auch dies ein Mechanismus der Tumorbildung
  • Nieren-/Pankreasschäden können zu Veränderungen der klinischen Chemie führen, die das Tumorwachstum begünstigen
  • Glyphosat tötet Darmbakterien, und der Verdauungstrakt beherbergt 80 % unseres Immunsystems
  • Chelatoren unterdrücken das Immunsystem und machen den Körper so anfällig für Tumore.

 

 

 

CARC hat vormals festgestellt, dass Glyphosat ein „mögliches Karzinogen für den Menschen“ ist. Die Nierenpathologie in den Tierstudien führte zusammen mit anderen der oben genannten Mechanismen zu Tumoren. Jeder einzelne dieser Mechanismen kann für sich allein zur Ausbildung von Tumoren führen, aber Glyphosat verursacht alle Mechanismen auf einmal. Es ist eigentlich ganz klar, dass Glyphosat Krebs verursacht.

In Anbetracht der oben angeführten Beweise sollte die CARC Kategorie auf „wahrscheinlich krebserregend beim Menschen“ geändert werden. Die Blutzellen sind den Chelatoren am meisten ausgesetzt. Wenn irgendeine Studie eine Proliferation der Lymphozyten zeigt, dann ist das eine Bestätigung dafür, dass Glyphosat karzinogen (krebsauslösend) wirkt.

Jess, du und ich wir haben bei der CARC viele Streitgespräche geführt. Du hast oft über Dinge gesprochen, von denen du keine Ahnung hattest, was unethisch ist. Dein banaler MS Grad von 1971 Nebraska ist längst überholt, somit ist die CARC Wissenschaft der Literatur der Mechanismen 10 Jahre hinterher.

Höre mir einmal im Leben zu und hör auf deine politischen Verschwörungsspiele mit der Wissenschaft zu spielen, um die eingeschriebenen Personen (also bestimmte Firmen, Anm.) besser dastehen zu lassen. Tue einmal das Richtige und treffe keine Entscheidungen aufgrund dessen, wie es deinen Bonus beeinflusst.

Du und Anna Lowit habt die Mitarbeiter des CARC eingeschüchtert und MI ARC und IIASPOC Endberichte geändert, damit sie gut für die Industrie aussahen. Chelatoren beeinflussen ganz klar die Nachrichtenübermittlung durch Calcium, einen Hauptsignalweg in allen Zellen, und führen zur Tumorprogression.

Greg Ackerman soll der Experte für diese Mechanismen sein, aber er hat bei der CARC niemals irgendwelche dieser Konzepte erwähnt, und als ich versuchte, sie mit ihm zu diskutieren, hat er mich stehen gelassen. Spielt Greg auch deine politischen Spiele, ist er inkompetent, oder hat er sonstwelche Interessenkonflikte? Dein Kollege aus Nebraska hat Spenden von der Industrie angenommen. Er hat auf jeden Fall einen Interessenkonflikt. Versprich mir nur, dass du Anna nicht ins CARC Komitee rein nimmst, ihre Entscheidungen ergeben überhaupt keinen Sinn. Wenn überhaupt jemand bei OPP Schmiergelder annimmt, dann ist sie es.

Ich habe Krebs und ich möchte nicht, dass diese ernsthaften Probleme nicht angesprochen werden, bevor ich im Grab liege. Ich habe meine Schuldigkeit getan.

Marion Copley, 4. März 2013

 

 

Das Original

 

Jess,

Since I left the Agency with cancer, I have studied the tumor process extensively and I have some mechanism comments which may be very valuable to CARC based on my decades of pathology experience. I’ll pick one chemical to demonstrate my points.

Glyphosate was originally designed as a chelating agent and 1 strongly believe that is the identical process involved in its tumor formation, which is highly supported by the literature.

-Chelators inhibit apoptosis, the process by which our bodies kill tumor cells

-Chelators are endocrine disruptors, involved in tumorigenesis

-Glyphosate induces lymphocyte proliferation

-Glyphosate induces free radical formation

-Chelators inhibit free radical scavenging enzymes requiring Zn, Mn or Cu for activity (i.e. SODs)

-Chelators bind zinc, necessary for immune system function

-Glyphosate is genotoxic, a key cancer mechanism

-Chelators inhibit DNA repair enzymes requiring metal cofactors

-Chelators bind Ca, Zn, Mg, etc to make foods deficient for these essential nutrients

-Chelators bind calcium necessary for calcineurin-mediated immune response

-Chelators often damage the kidneys or pancreas, as glyphosate does, a mechanism to tumor formation

-Kidney/pancreas damage can lead to clinical chemistry changes to favor tumor growth

-Glyphosate kills bacteria in the gut and the gastrointestinal system is 80% of the immune system

-Chelators suppress the immune system making the body susceptible to tumors

Previously, CARC concluded that glyphosate was a “possible human carcinogen”. The kidney pathology in the animal studies would lead to tumors with other mechanisms listed above. Any one of these mechanisms alone listed can cause tumors, but glyphosate causes all of them simultaneously. It is essentially certain that glyphosate causes cancer. With all of the evidence listed above, the CARC category should be changed to “probable human carcinogen”. Blood cells arc most exposed to chelators, if any study shows proliferation of lymphocytes, then that is confirmatory that glyphosate is a carcinogen.

Jess, you and I have argued many times on CARC. You often argued about topics outside of your knowledge, which is unethical. Your trivial MS degree from 1971 Nebraska is far outdated, thus CARC science is 10 years behind the literature in mechanisms. For once in your life, listen to me and don’t play your political conniving games with the science to favor the registrants. For once do the right thing and don’t make decisions based on how it affects your bonus. You and Anna Lowit intimidated staff on CARC and changed MI ARC and IIASPOC final reports to favor industry. Chelators clearly disrupt calcium signaling, a key signaling pathway in all cellos and mediates tumor progression. Greg Ackerman is supposed to be our expert on mechanisms, but he never mentioned any of these concepts at CARC and when I tried to discuss it with him he put me off. Is Greg playing your political games as well, incompetent or does he have some conflict of interest of some kind? Your Nebraska colleague took industry funding, he clearly has a conflict of interest. Just promise me not to ever let Anna on the CARC committee, her decisions don’t make rational sense. If anyone in OPP is taking bribes, it is her.

I have cancer and I don’t want these serious issues in MED to go unaddressed before I go to my grave. I have done my duty.

Marion Copley March 4, 2013