Glyphosat

BfR schreibt Glyphosat Risikobewertung bei den Herstellern ab

In der EU wird schon seit längerer Zeit darüber gestritten, ob Glyphosat sicher ist und weiter verwendet werden darf, oder ob es in Wahrheit als giftige Chemikalie einzustufen ist, die unter anderem krebserregend ist (und wirklich nur unter anderem), und damit auf unserem Teller nichts zu suchen hat. Nun haben Forscher das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) beschuldigt, einen Bericht, der Glyphosat als sicher einstuft, einfach aus einer Untersuchung der Chemieunternehmen, die diesen Stoff herstellen, abgeschrieben zu haben. Diese Tatsache sollte eigentlich bei jedem ernste Zweifel hinsichtlich der Legitimität der Ergebnisse aufkommen lassen.

Das Tauziehen um die Verlängerung des Einsatzes von Glyphosat in der EU

Im März 2015 stufte  die IARC, die Krebsforschungsagentur der Weltgesundheitsorganisation (WHO), den Unkrautvernichter  Glyphosat als „wahrscheinlich krebserzeugend beim Menschen“ ein. Ein Super GAU für die Chemieindustrie und noch dazu mit einem ganz schlechten Timing. Denn die Zulassung des Ackergiftes in der EU llief Ende 2015 aus. Das Wiederbewilligungsverfahren war in vollem Gang. Und alle blickten auf das  deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) in Berlin, weil Deutschland in diesem Verfahren der federführende „Berichterstatter“ war.

Das BfR teilte die Einstufung der IARC nicht und meldete an die zuständige EU-Behörde EFSA, dass Glyphosat sicher sei, und „eine Einstufung und Kennzeichnung hinsichtlich der Karzinogenität nicht gerechtfertigt sei.“ (1).

In der EU wurde im März 2016 über eine auf 15 Jahre angelegte Verlängerung für den Einsatz von Glyphosat verhandelt. Nicht zuletzt der steigende Widerstand in der Bevölkerung führte dazu, dass die Europäische Kommission den Einsatz von Glyphosat nur um 18 Monate verlängerte, um eine weitergehende Sicherheits-überprüfung durchzuführen.

Im November 2017 stimmten die EU-Länder dafür, die Lizenz für Glyphosat um weitere fünf Jahre zu verlängern. Wir erinnern uns an den äußerst peinlichen „Alleingang“ des damaligen Agrarministers Christian Schmidt, dessen Stimme letzten Endes den Ausschlag für diese Verlängerung gab (2).  Diese Entscheidung  wurde mit dem  Ergebnis der vom BfR durchgeführten Risikobewertung begründet.

Es gab schon damals Bedenken, ob es sich bei der BfR Beurteilung tatsächlich um eine unabhängige Überprüfung handelte. So berichtete der Guardian, dass ein Großteil der Bewertung nicht von unabhängigen Wissenschaftlern verfasst wurde, sondern „von der europäischen Task Force Glyphosat, einem Zusammenschluss von agrochemischen Unternehmen“ – also Monsanto und Konsorten (3).

Beamte des BfR erklärten, dass sie aufgrund der Menge an Beweisen nicht die Zeit hatten, die Originalstudien detailliert durchzugehen, sondern ihre Bewertung auf Beschreibungen der Agrochemie stützten. Diese Beschreibungen enthielten jedoch auch die Einschätzung der Branche hinsichtlich der Zuverlässigkeit und Interpretation jeder Studie. Das ist also so, als würde man den Fuchs einsetzen, um die Hühner zu bewachen. Kann sich jemand vorstellen, dass die Chemieriesen in ihre Studien nicht hineinschreiben, dass Glyphosat hochgiftig ist? Das BfR kommentierte jedoch lediglich den Branchentext  in kursiver Schrift. Das dürft wohl fernab von dem sein, was die meisten Leute unter einer unabhängigen Überprüfung verstehen würden.

Ein deutscher Toxikologe beschuldigt EU Behörden des wissenschaftlichen Betrugs

Ein Kritiker des BfR Reports ist der Toxikologe Dr. Peter Clausing,  ein Vorstandsmitglied des Pestizid Aktions Netzwerkes (PAN). Er behauptet, dass die Europäische Behörde für Lebensmittel-sicherheit (EFSA) mit ihrer positiven Einschätzung von Glyphosat wissenschaftlichen Betrug begangen habe.

Fünf Studien an Mäusen, die das BfR und die EFSA in ihre Bewertung aufnahmen, zeigten, dass männliche Mäuse einen statistisch signifikanten Anstieg bei einer oder mehreren Krebsarten verzeichneten – vor allem beim malignen Lymphom.

Allein diese Ergebnisse würden als Kriterium für die Einstufung von Glyphosat als 1B-Karzinogen (Stoffe, von denen angenommen wird, dass sie ein karzinogenes Potenzial für den Menschen haben) ausreichen, was zu einem automatischen Verbot führen würde. Außerdem wurden in dem Bericht die Richtlinien der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) für die Prüfung von Chemikalien in der Industrie verletzt (4) .

BfR Risikobewertung in weiten Teilen aus Industriestudien abgeschrieben

Die brisantesten Beweise stammen von Stefan Weber und Helmut Burtscher von der Organisation Global 2000, die erneut die merkwürdige Tatsache angesprochen haben, dass die EU Glyphosat im Gegensatz zu den Ergebnissen der IARC ein sauberes Gesundheitszeugnis gegeben hat (5).

Die von den beiden Autoren vorgelegte Studie wurde von einer Gruppe von Parlamentariern unterschiedlicher Fraktionen in Auftrag gegeben.

Die Forscher verwendeten Computersoftware, um die Bewertung des BfR mit von Monsanto und anderen GTF-Mitgliedern bei der EU eingereichten Bewertungen zu vergleichen. Insbesondere in den Kapiteln zur Bewertung veröffentlichter Studien zu Gesundheitsrisiken im Zusammenhang mit Glyphosat wurde ein ausgedehntes Plagiat entdeckt.

In diesen Kapiteln waren 50,1 Prozent des Inhalts plagiiert, darunter „ganze Absätze und ganze Lauftextseiten, in denen das Design und das Ergebnis der Studien beschrieben und deren Relevanz und Zuverlässigkeit beurteilt wurden“.

Sogar die Auswertung der veröffentlichten Studien im BfR-Bericht „wurde aus dem Genehmigungsantrag kopiert und als Beurteilung der Behörden vorgelegt“, schrieben Weber und Burtscher. In dem, was sie als „eines ihrer bemerkenswertesten Ergebnisse“ bezeichneten, wurde sogar die Erklärung des BfR, wie sie die veröffentlichte Literatur einschätzten, von GTF übernommen.

„Das BfR hatte somit Monsantos Erklärung der Studien von Monsanto bei der Bewertung der veröffentlichten Literatur abgeschrieben, und dieses als Ergebnis der Untersuchung der Behörde präsentiert. Dies ist ein eindrucksvolles Beispiel für eine Täuschung hinsichtlich der wahren Autorenschaft.“

Gefälschte Risikobewertung beeinflusst das Zulassungsverfahren von Glyphosat

Die letzte Frage ist dann, ob das Plagiat des BfR die Beurteilung der Sicherheit von Glyphosat beeinflusst hat, vor allem im Hinblick auf das Potential, Krebs zu verursachen. Weber und Burtscher sagten, die Antwort sei ein „klares Ja“ und fügte hinzu:

„Die IARC stützte ihre Krebsklassifizierung auf“ begrenzte Evidenz beim Menschen „,“ ausreichende Evidenz bei Tieren „und“ starke Evidenz für Genotoxizität „als mögliche molekulare Mechanismen für die Karzinogenität von Glyphosat. Der GTF erklärte jedoch veröffentlichte Studien, die Glyphosat mit Genotoxizität und einem erhöhten Risiko für Non-Hodgkin-Lymphome beim Menschen in Zusammenhang brachten als „nicht zuverlässig“. „

So eine „fragliche“ Studie ist zum Beispiel die von Gilles-Eric Séralini durchgeführte und im Jahr 2012 veröffentlichte Untersuchung zur Lebenszeit-Fütterung von Ratten. Sie zeigte zahlreiche schockierende Probleme bei den Tieren, die mit GMO-Mais (gentechnisch verändertem Mais) gefüttert wurden, einschließlich massiver Tumoren und vorzeitigem Tod. Ratten, denen Glyphosat in ihrem Trinkwasser verabreicht wurde, entwickelten ebenfalls Tumore (6).

Im darauffolgenden Jahr zog der Verleger die Studie zurück und sagte, sie habe „die wissenschaftlichen Standards nicht erfüllt“, obwohl eine lange und sorgfältige Untersuchung keine Fehler oder eine falsche Darstellung der Daten ergab.

Follow-up-Untersuchungen von Séralini haben gezeigt, dass eine langfristige Exposition gegenüber Roundup in geringsten Mengen – also solchen, denen wir tagtäglich ausgesetzt sind – Tumoren sowie Leber- und Nierenschäden bei Ratten verursachen kann (7). Auch diese Studie wurde tunlichst übersehen. Das kann man dann eigentlich nur noch als bewusste Manipulation bezeichnen.

Und sie funktioniert. Viele Menschen halten Glyphosat immer noch für unbedenklich. Gut für Monsanto und auch für Bayer, denn auf die rollt eine Welle von Schadensersatzklagen von Patienten mit malignen Lymphomen heran, die auf den Einsatz von Roundup zurückzuführen sind.

Aber Glyphosat wird doch schnell abgebaut

So lassen sich jedenfalls die Hersteller vernehmen. Die Realität sieht jedoch ganz anders aus.  Untersuchungen haben Rückstände in so ziemlich allem gefunden, nicht nur in Menschen und Tieren, sondern auch in Getreide- und Müsliriegeln (8), Wein und Bier (9) sowie Impfstoffen (10).

Und selbstverständlich befindet sich Glyphosat inzwischen sowohl im Oberflächen- als auch im Grundwasser (11). Will heißen: Sie können die Menge an Glyphosat, der sie ausgesetzt sind, in gewissem Maße vermindern, aber Sie werden nicht darum herumkommen.

Welche Schlüsse sollte der Verbraucher ziehen?

Da die freundschaftlichen Beziehungen zwischen staatlichen Aufsichtsbehörden und Chemieunternehmen immer dreister werden und diese Unternehmen das Ziel verfolgen, die Nahrungsmittelversorgung zu übernehmen, was kann da der Verbraucher eigentlich noch tun?

Eine ganze Menge. Wir leben in einer Marktwirtschaft, das bedeutet, produziert wird, was gekauft wird. Sie sollten es grundsätzlich ablehnen, Nahrungsmittel zu essen, die mit giftigen Chemikalien wie Glyphosat angebaut werden. Unterstützen Sie lokale Landwirte beim Anbau von Bio-Lebensmitteln. Vermeiden Sie genetisch modifizierte Lebensmittel sowie solche, die mit Glyphosat getrocknet wurden (damit ist mindestens ein Großteil der industriell gefertigten Lebensmittel tabu – besser alle).

In Bezug auf die Frage, ob Glyphosat Krebs verursacht, entschied eine Jury im August 2018 eindeutig mit „ja“. Die Jury war überzeugt, dass Monsantos Roundup ursächlich für das Non-Hodgin Lymphom des Klägers Dewayne Johnson war und sprach ihm eine hohe Entschädigungssumme zu (wie in den USA so üblich).

Was das BfR angeht, so haben sie die Plagiatsvorwürfe abgestritten und versichert, dass ihre Bewertung qualitätsgesichert und unabhängig ist und dass Branchenberichte „routinemäßig“ Bestandteil solcher Bewertungen sind (12). Was mich angeht, so kann ich nach dieser Aussage nur feststellen, dass die „Risikobewertungen“ dieser Behörden, dann sehr mit Vorsicht zu genießen sind und teilweise eben sogar lebensgefährlich sein können.

Letztendlich können wir nur vermuten, welche gesundheitlichen Risiken durch den Verzehr von Nahrungsmitteln entstehen, die mit niedrigen Glyphosat-Spiegeln kontaminiert sind. Für den Verbraucher bleibt nur der Umschwung auf Bio-Lebensmittel soweit irgend möglich. Ich brauche wohl nicht extra zu erwähnen, dass Sie für die Unkraut- und Schädlingsbekämpfung nicht die chemische Keule einsetzen sollten. Was die Belastung des Wassers mit Glyphosat angeht, so sollten Sie über den Kauf eines Wasserfiltersystems nachdenken.

Wenn Sie über Glyphosat-Rückstände in Ihrer Nahrung besorgt sind, können Sie dazu beitragen, Veränderungen herbeizuführen, indem Sie sich an die Unternehmen wenden, die Ihre Lebensmittel herstellen. Lassen Sie sie wissen, dass Sie Lebensmittel ohne Glyphosatrückstände kaufen wollen – und bereit sind, bei Bedarf auf andere Marken umzusteigen.

Letztendlich können wir gegen diesen Giftcocktail in unserer Nahrung nur selber tätig werden. Am Anfang wurde über Leute gelacht, die Bioprodukte gekauft haben. Heute gibt es ganze Supermarktketten, die Bio-Lebensmittel verkaufen, und ihr Marktanteil wächst.

 

(1) https://echa.europa.eu/documents/10162/13626/renewal_assessment_report_addenda_en.pdf

(2) https://www.sueddeutsche.de/politik/streit-um-unkrautvernichter-minister-schmidt-hat-glyphosat-alleingang-monatelang-geplant-1.3769947

(3) https://www.theguardian.com/science/political-science/2015/may/13/chemical-reactions-glyphosate-and-the-politics-of-chemical-safety

(4) https://www.gmwatch.org/en/news/latest-news/17307-german-toxicologist-accuses-eu-authorities-of-scientific-fraud-over-glyphosate-link-with-cancer

(5) Detailed Expert Report on Plagiarism and
superordinated Copy Paste in the
Renewal Assessment Report (RAR) on Glyphosate   https://www.greens-efa.eu/files/doc/docs/298ff6ed5d6a686ec799e641082cdb63.pdf

(6) Republished study: long-term toxicity of a Roundup herbicide and a Roundup-tolerantgenetically modified maize    https://enveurope.springeropen.com/articles/10.1186/s12302-014-0014-5

(7) Transcriptome profile analysis reflects rat liver and kidney damage following chronic ultra-low dose Roundup exposure  https://ehjournal.biomedcentral.com/articles/10.1186/s12940-015-0056-1

(8) https://www.ewg.org/childrenshealth/glyphosateincereal/#.W3xuun4nY19′

(9) http://www.umweltinstitut.org/aktuelle-meldungen/meldungen/2018/bio-biere-frei-von-glyphosat.html

(10) Vaccine-glyphosate link exposed by Anthony Samsel  http://farmwars.info/?p=15100

(11)  Glyphosat https://www.umweltbundesamt.de/themen/chemikalien/pflanzenschutzmittel/glyphosat

(12) https://www.bfr.bund.de/en/press_information/2019/02/european_assessment_of_glyphosate_is_quality_assured_and_independent___industry_reports_are_routinely_part_of_assessment_reports-239502.html

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