Statine

Sind Leute, die Statine ablehnen, gefährliche Spinner?

Steve Nissen, ein Cardiologe an der Cleveland Clinic schrieb vor einiger Zeit ein Editorial in Annals of Internal Medicine, in dem er die Leugnung der Wirksamkeit von Statinen als Internetkult mit tödlichen Konsequenzen anprangert (1). Seiner Meinung nach handelt es sich bei Leuten, die solche Artikel schreiben, um Laien, die überhaupt keine Ahnung haben, die aber Patienten dazu verleiten, Ihre lebensnotwendigen Statine abzusetzen.

Tatsache ist, dass es sich bei vielen Leute, die Statinen ihre Wirksamkeit abstreiten, durchaus nicht um Laien handelt.

Nicht alle Kardiologen sind von Statinen überzeugt

So sagt zum Beispiel Dr. Edward Gill, Professor für Kardiologie an der Universität von Colorado, dass Statine nicht den Kalzium Score der Koronararterien vermindern können (ein Risikofaktor für die Entstehung eines Herzinfarktes). Er erklärt: „Fünf randomisierte, kontrollierte Versuche (der Goldstandard) haben gezeigt, dass die Statinbehandlung nicht nur nicht dazu führt, dass das Kalzium in den Koronararterien reduziert wird, sondern es besteht absolut kein Unterschied im Fortschreiten der Verkalkung verglichen mit einem Plazebo (einer Pille ohne Wirkung) (2).

Auch William R. Ware, eremitierter Professor der Universität von West-Ontario, Kanada kam 2009 zu dem Schluss, dass bildgebende Untersuchungen die Cholesterin Theorie der Arterienverkalkung widerlegen. „Entgegen landläufiger Meinung steht das Gesamtcholesterin und das LDL Cholesterin bei asymptomatischen Personen weder mit dem Ausmaß noch mit dem Fortschreiten der Plaquebildung in Zusammenhang wie man sowohl in der Elektronenstrahltomographie als auch in der Koronarangiographie sehen kann (3). Diese Daten werden aber von den Mainstream Kardiologen zum größten Teil ignoriert.

Unbequem ist auch ein Fakt, auf den Dr. Ware in seinen Veröffentlichungen hinweist – viele Autopsiestudien zeigen absolut keinen Zusammenhang zwischen dem Cholesteringehalt des Blutserums und dem Ausmaß der Arterienverkalkung zum Zeitpunkt der Autopsie (4).

Statine führen zu Arterienverkalkung und Herzversagen

Das sagt jedenfalls Harumi Okuyama, Professor der Biochemie an der Nagoya City Universität in Japan in einem Artikel, den er 2015 in einer medizinischen Zeitschrift veröffentlichte (5).  Er erklärt: „Seit 2004/2005 wurden keine positiven Effekte von Statinen auf die Reduktion von Todesfällen durch Herz-Kreislauferkrankungen mehr berichtet“ (6). Anmerkung: Im Jahr 2005 verschärfte der amerikanische Kongress die Berichterstattung von medizinischen Studien, was dazu führte, dass Pharmaunternehmen unerwünschte Ergebnisse nicht mehr einfach unter den Tisch fallen lassen konnten.

Von Dr. Nissen wird behauptet, dass Leute sterben, wenn sie ihre Statine absetzen. Dr. Mikael Rabaeus, ein Kardiologe aus Genf, kommt da zu einem ganz anderen Schluss. Er schreibt in seinem 2017 veröffentlichten Artikel, dass das Beenden einer Statintherapie möglicherweise Leben retten kann (7). In seiner Untersuchung führte das Absetzen der Statine keinesfalls zu erhöhten Zahlen von Herzinfarkten und der Gesamtsterblichkeit, weshalb seiner Meinung nach, die Behauptung, dass das Absetzen von Statinen die Sterblichkeitsrate ansteigen lässt oder dass Statine Leben retten nicht aufrecht erhalten werden kann.

Wir stellen also mal fest, dass es sich hier nicht um Laien Blogger, sondern um Mainstream Mediziner handelt, deren Studien in medizinischen Zeitschriften veröffentlicht werden!

Hartnäckig, aber falsch – der Mythos vom zu hohen Cholesterin

Wenn das Cholesterin wirklich die Ursache für Herzinfarkte wäre, dann müsste man ja erwarten, dass Herzinfarkt-Patienten tatsächlich hohe Cholesterinspiegel im Blut aufweisen.  Studien bestätigen das aber einfach nicht.

Eine Untersuchung an 137.000 Patienten mit Herzinfarkt, die von 2000 – 2006 an 541 amerikanischen Kliniken aufgenommen wurden, zeigt auf, dass der mittlere Cholesterinwert lediglich 174 mg/dl betrug. Das ist niedrig – nicht hoch. Das ist sogar deutlich niedriger als der Wert, der allgemein als Grenzwert für den Normalbereich gilt (200 mg/dl) (8).

Weiterhin würde man annehmen, dass für Patienten nach einem Herzinfarkt ein hoher Cholesterinwert die Prognose verschlechtern würde (schließlich macht Cholesterin doch die Arterien dicht). Dummerweise ist auch das nicht der Fall. Eine Studie der Henry Ford Klinik in Detroit zeigte, dass drei Jahre nach einem Infarkt diejenigen Patienten, die den niedrigsten Cholesterinspiegel hatten, auch die höchste Sterblichkeitsrate aufwiesen – und zwar mehr als doppelt so hoch (14,8 vs. 7,1 %) (9).

Zu niedrige Cholesterinspiegel können die Sterblichkeitsrate erhöhen

Eine Population, die hier besonders betroffen ist, sind ältere Menschen. Eigentlich sollte ihnen sowieso kein Statin verschrieben werden, weil Statine das Risiko für eine Demenz erhöhen (eine Tatsache, die von Statin Befürwortern gerne bestritten wird). Ein zweiter Grund ist, dass viele Studien nachweisen, dass ein niedriger Cholesterinspiegel in dieser Bevölkerungsgruppe einen Marker für eine höhere Sterblichkeit – und nicht etwa besseres Überleben – darstellt (10).

Einige Erkrankungen lassen es ratsam erscheinen, den Cholesterinspiegel nicht zu senken. Hierzu gehören die Herzinsuffizienz (kann durch Statine sowohl ausgelöst als auch verschlimmert werden) und Patienten unter Hämodialyse (11).

Primärprävention des Herzinfarktes – Statine bieten keinen Überlebensvorteil

Viele Menschen, die noch keinen Herzinfarkt hatten, bekommen Statine verschrieben, um einen Infarkt zu verhindern (Primärprävention). Sinn scheint das nicht wirklich zu ergeben wie Dr. Kausik K. Ray aus Cambridge in seiner Studie aus dem Jahr 2010 herausfand (12).  Für die Untersuchung wurden 11 Studien an insgesamt 65229 Teilnehmern herangezogen, die ein erhöhtes Cholesterin, aber keine Diagnose einer Herzerkrankung hatten. Das Ergebnis: Eine Statintherapie in diesem Hochrisikokollektiv mit dem Ziel der Primärprävention eines Herzinfarktes zeigte keinen Zusammenhang mit einem statistisch signifikanten Rückgang im Risiko für die Gesamtmortalität.

Dr. Rita Redberg schreibt deshalb 2012 im Journal of the American Medical Association (JAMA), dass gesunde Männer keine Statine einnehmen sollten (13).

Eine Studie, die im British Journal of Clinical Pharmacology erschien, weist darauf hin, dass der Einsatz von Statinen zur Primärprävention zu einer 1 prozentigen Steigerung der Mortalität über einen Einnahmezeitraum von 10 Jahren führt (14). Jetzt kann man sagen, 1 Prozent ist ja nicht viel. Aber eigentlich wollten Sie mit der Einnahme der Tabletten Ihr Leben doch nicht verkürzen, oder?

„Pleiotrope Effekte“ – die antientzündliche Wirkung der Statine

Inzwischen weiß man, dass die Arterienverkalkung im Grunde genommen ein entzündlicher Prozess ist. Es wird angenommen, dass die Wirkung der Statine nicht etwa auf die Senkung des LDL-Cholesterins zurückzuführen ist, sondern auf ihre entzündungshemmende Wirkweise. Ich sage hier, „es wird angenommen“ – angenommen wird dies natürlich nur von den Leuten, die nicht an die Cholesterin-Hypothese der Herzerkrankung glauben. Die anderen sind sehr zufrieden mit der Einsicht, dass es die Cholesterinsenkung ist.

In der Herzchirurgie kann der Einsatz von Statinen tatsächlich eine positive Wirkung entfalten. Wird mit der Herz-Lungen-Maschine gearbeitet, so setzt dieses Verfahren im Körper des Patienten massive entzündliche Mechanismen in Gang. Diese Entzündung kann durch Statine tatsächlich reduziert werden (15), wodurch es zu einer geringeren Sterblichkeitsrate nach Herzoperationen kommen kann. Wohlgemerkt, die Statine führten nicht zu einer Verringerung des Infarktrisikos. Die verminderte Sterblichkeitsrate wird allein auf ihre entzündungshemmende Wirkung  zurückgeführt.

Statine und sekundäre Prävention

Jetzt werden Sie sagen – aber irgendjemand muss doch von Statinen profitieren. Nun, es gibt Studien, die minimale Vorteile für einen sehr kleinen Personenkreis aufzeigen. Sehen wir uns diese Studien einmal genauer an. Vorweggenommen sei die Tatsache, dass es sich bei ihnen um ein „Best Case Scenario“ handelt. Untersucht wurden Männer mittleren Alters, die eine Angina pectoris oder bereits einen Herzinfarkt hatten. Zusammengefasst also Statine zur Sekundärprävention. Diese Gruppe hat tatsächlich einen gewissen Vorteil von einer Statintherapie, und dies sind genau die Studien, auf die die Verfechter dieser Therapie sich berufen (dann allerdings für alle Patienten).

4S Studie mit Simvastatin  (Skandinavien)

Die 4S Studie hatte 4444 Teilnehmer mit bekannter Herzerkrankung (Angina pectoris oder Herzinfarkt in der Vorgeschichte). Sie wurden in eine Studiengruppe und eine Kontrollgruppe aufgeteilt und 5,5 Jahre nachuntersucht (16). In der Statingruppe gab es 182 Todesfälle (8,2 %), in der Plazebogruppe 256 (11,5 %). Laut Untersuchern eine Risikoreduktion von 30 % – allerdings eben nur im relativen Risiko.

Das absolute Risiko unterschied sich aber nur um 3,3 Prozent, denn in der Plazebogruppe überlebten 88,5 Prozent der Teilnehmer und in der Simvastatingruppe 91,8. Der Überlebensvorteil pro Jahr liegt damit bei mageren 0,6 Prozent. Das klingt jetzt schon ganz anders, oder?

Die Long-Term Intervention with Pravastatin in Ischaemic Disease LIPID Pravastatin  Studie

Untersucht wurden 9000 Patienten mit instabiler Angina pectoris oder Herzinfarkt, randomisiert in eine Pravastatin- und eine Kontrollgruppe. Untersuchungszeitraum 6,1 Jahre (17).

Die Sterblichkeitsrate in der Statingruppe betrug 11 %, diejenige in der Plazebogruppe 14,1 % über den Untersuchungszeitraum. Laut Untersuchern eine Reduktion um 22 Prozent – aber auch hier handelt es sich wieder um das relative Risiko. Der Unterschied im absoluten Risiko betrug wiederum nur 3,1 Prozent über 6,1 Jahre – oder 0,5 Prozent pro Jahr. Sie verstehen jetzt vielleicht, wie man schlechte Ergebnisse mit statistischen Tricks schön färben kann. Und damit wissen Sie schon eine ganze Menge mehr als die meisten Ärzte.

Drs. David Diamond und Uffe Ravnskov erklären in ihrem Artikel in Expert Review of Clinical Pharmacology wie genau durch diese statistischen Tricks die Wirksamkeit der Statine überbewertet und die gravierenden Nebenwirkungen heruntergespielt wurden (18). Fragen Sie mal Ihren Arzt, der wird Ihnen auch erzählen, dass die Wirksamkeit der Statine wissenschaftlich belegt ist.

Und Dr. Nissen von der Cleveland Clinic – ist der auch durch geschönte Statistiken getäuscht worden? Man weiß es nicht. Bedenklich sind allerdings sein Interessenskonflikte. Er erhält nämlich Forschungsgelder von unter anderem Amgen (Repatha – PCSK9 Hemmer), Pfizer (Sortis – Atorvastatin), Astra Zeneca (Crestor – Rosuvastatin), Eli Lilly (Livazo – Pitavastatin).

Wir haben da ja so ein Sprichwort: „Man beißt nicht die Hand, die einen füttert.“

Noch Fragen?

 

 

(1) http://annals.org/aim/article-abstract/2645554/statin-denial-internet-driven-cult-deadly-consequences

(2) Does statin therapy affect the progression of atherosclerosis measured by a coronary calcium score?  https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/20425242

(3) The mainstream hypothesis that LDL cholesterol drives atherosclerosis may have been falsified by non-invasive imaging of coronary artery plaque burden and progression.  https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/19560285

(4) Serum Lipid Levels and the Severity of Coronary and
Cerebral Atherosclerosis in Adequately Nourished Men,
60 to 69 Years of Age http://circ.ahajournals.org/content/circulationaha/27/2/229.full.pdf

(5)Statins stimulate atherosclerosis and heart failure: pharmacological mechanisms.  https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/25655639

(6) A Critical Review of the Consensus Statement from the European Atherosclerosis Society Consensus Panel 2017  https://www.karger.com/Article/FullText/486374

(7) Recent Flaws In Evidence-Based Medicine: Statin Effects In Primary Prevention And Consequences Of Suspending The Treatment  https://www.jcbmr.com/index.php/jcbmr/article/view/18/37

(8) Lipid levels in patients hospitalized with coronary artery disease: An analysis of 136,905 hospitalizations in Get With The Guidelines  https://www.ahjonline.com/article/S0002-8703%2808%2900717-5/abstract

(9) Low admission LDL-cholesterol is associated with increased 3-year all-cause mortality in patients with non ST segment elevation myocardial infarction.  https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/19437396

(10) Lack of an association or an inverse association between low-density-lipoprotein cholesterol and mortality in the elderly: a systematic review  https://bmjopen.bmj.com/content/6/6/e010401.full

(11) Effects of hemodialysis on serum lipids and phospholipids of end-stage renal failure patients.  https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/15543934

(12) Statins and All-Cause Mortality in High-Risk Primary Prevention  https://jamanetwork.com/journals/jamainternalmedicine/fullarticle/416105#ira05004f1

(13) Healthy men should not take statins.  https://jamanetwork.com/journals/jama/article-abstract/1148381

(14) Statins for primary prevention: at what coronary risk is safety assured?  https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC2014585/?tool=pubmed

(15) Effect of Dose and Timing of Preoperative Statins on Mortality After Coronary Artery Bypass Surgery  https://www.annalsthoracicsurgery.org/article/S0003-4975(17)30016-4/fulltext

(16) Reducing the risk of coronary events: evidence from the Scandinavian Simvastatin Survival Study (4S).  https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/7572690

(17) Prevention of Cardiovascular Events and Death with Pravastatin in Patients with Coronary Heart Disease and a Broad Range of Initial Cholesterol Levels  https://www.nejm.org/doi/full/10.1056/NEJM199811053391902

(18) Safety, life-saving efficacy of statins have been exaggerated, says scientist  https://www.sciencedaily.com/releases/2015/02/150220110850.htm

 

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