Was Sie über Schilddrüsenwerte wissen müssen

Schilddrüsenerkrankungen sind deutlich auf dem Vormarsch. Vor allem die Autoimmunerkrankung Hashimoto Thyreoiditis nimmt zu.

Leider wird häufig nicht an die Schilddrüse gedacht, wenn Patienten sich mit oft unerklärlichen Symptomen bei ihrem Arzt vorstellen. Und so passiert es leider häufiger, dass etwa eine frischgebackene Mutter mit einer nicht-diagnostizierten Schilddrüsenunterfunktion von ihrem Arzt mit einem Rezept für ein Antidepressivum nach Hause geschickt wird.

Eine Schilddrüsenunterfunktion kann sich hinter vielen Symptomen verstecken

Hier nur ein paar der häufigsten Symptome einer Hypothyreose. Tatsächlich kann die Liste auf über 300 Symptome verlängert werden.

  1. Müdigkeit
  2. Verstopfung
  3. Trockene Haut
  4. Kalte Hände und Füße
  5. Unerklärliche Gewichtszunahme
  6. Aufgedunsenes Gesicht
  7. Heiserkeit
  8. Muskelschwäche
  9. Erhöhte Serumcholesterinspiegel
  10. Muskelschmerzen
  11. Schmerzen, Steifigkeit oder Schwellungen der Gelenke
  12. Verstärkte oder unregelmäßige Menstruation
  13. Haarausfall
  14. Bradykardie (langsamer Herzschlag)
  15. Depression
  16. Gedächtnisstörungen
  17. Unfruchtbarkeit und Aborte (Fehlgeburten)

Sie sehen schon, es kann der ganze Körper betroffen sein. Und das ist nur natürlich, denn die Schilddrüse reguliert unseren gesamten Stoffwechsel. Jede einzelne Körperzelle hat Rezeptoren für Schilddrüsenhormone.

Wenn Sie den Verdacht haben, dass Ihre Schilddrüse nicht 100 %ig arbeitet, dann sollten Sie einige Labortests durchführen lassen. Hierbei ist es wichtig, dass Sie sich von Ihrem Arzt nicht mit einer einfachen Bestimmung des TSH (= Thyreoidea Stimulierendes Hormon) abspeisen lassen.

Leider glauben viele Ärzte immer noch, dass sie mit Hilfe des TSH eine Aussage über die Funktionsfähigkeit der Schilddrüse treffen können. Das ist aber falsch, und ich werde Ihnen auch erklären, warum das so ist.

Genaugenommen misst das TSH nur den Regelkreis zwischen Hirnanhangdrüse (Hypophyse) und Schilddrüse. TSH wird in der Hypophyse gebildet und fördert die Hormonproduktion in der Schilddrüse. Ohne TSH würde kein Jod mehr in die Schilddrüse aufgenommen und kein Thyroxin (T4) oder Trijodthyronin (T3) produziert werden. Ist im Blut genug von diesen Hormonen vorhanden, wird wiederum weniger TSH gebildet, da die Schilddrüse nicht weiter stimuliert werden muss.

Es ist also schon logisch, dass man die Vorstellung hatte, dass TSH ein Marker für die Schilddrüsenfunktion ist. Aber wie gesagt, ist das nur die halbe Wahrheit. Mit einem besseren Verständnis der Funktionsweise der Schilddrüse kommt dann auch schon die Ernüchterung.

Konversionsstörungen

Die Schilddrüse stellt vor allem Thyroxin (T4) her. Dieses ist ein Prohormon. T4 muss dann vom Körper durch Enzyme – sogenannte Dejodasen – in Trijodthyronin (T3), die aktive Form des Hormons umgewandelt werden. Funktioniert diese Umwandlung nicht, so kommt es funktionell zu einer Schilddrüsenunterfunktion. Als Auslöser für diese Umwandlungsstörung kommen zum Beispiel ein Selenmangel (die Enzyme benötigen Selen), aber auch verschiedene Medikamente bzw. Röntgenkontrastmittel (Zytokine, Propylthiouracil, Iopan-Säure) in Frage. Vereinzelt wird auch von Antikörpern, die sich gegen die Dejodasen richten, berichtet. Fazit: In diesem Fall wäre TSH normal. Nur wenn zusätzlich die Konzentration der Schilddrüsenhormone bestimmt wird, fällt auf, dass freies T4 normal hoch und freies T3 niedrig ist.

Gesamt T3/T4 vs. freies T3/T4

Es gibt in der Schilddrüsendiagnostik jeweils zwei Messwerte für T4 und T3. Zum einen das Gesamt T3 und T4 und dann auch noch das freie T3 und T4 (fT3, fT4).  Was bedeutet das nun schon wieder?

Schilddrüsenhormone sind fettlöslich und das Blut besteht zum größten -Teil aus Wasser. Damit fettlösliche Hormone durch das Blut schwimmen können, werden sie an Proteine gebunden, die sie dann praktisch wie Taxis durch den Blutstrom befördern. Wenn sie die Zellen erreichen, muss das Protein abgespalten werden, damit die „freien“ Hormone tatsächlich in die Zellen gelangen können, um dort ihre Funktion auszuüben. Deshalb ist eine Bestimmung von freiem T4 und vor allem (da es das aktivste Hormon ist) freiem T3 extrem wichtig.

Stress und Schilddrüsenfunktion

Die Schilddrüse managt unseren Stoffwechsel und so verwundert es nicht, dass sie bei chronischem Stress ins Geschehen eingreift. Hierzu ein paar Anmerkungen. Ihr Körper unterscheidet nicht zwischen verschiedenen Stressursachen (Hunger, Krankheit, Operationen, Trennung etc.) und auch nicht zwischen „nur“ eingebildetem oder tatsächlich vorhandenem Stress. Wenn Sie unter Stress stehen, geht Ihr Körper in den Überlebensmodus. Das bedeutet unter anderem, dass Ihre Schilddrüse den Stoffwechsel herunterfährt, damit lebenswichtige Reserven geschont werden.

Soll Energie gespart werden, so bewerkstelligt Ihre Schilddrüse dies, indem sie statt des stoffwechselaktiven T3 ein stoffwechselinaktives reverse T3 (rT3) herstellt. Dieses besetzt die T3 Rezeptoren der Zelle, ohne eine adäquate Aktion in der Zelle auszulösen. Fazit: Sie haben die Symptome einer Schilddrüsenunterfunktion, obwohl Ihr TSH normal ist. In diesem Fall kommen Sie nur mit einer Bestimmung des rT3 weiter. Traurige Wahrheit ist, diesen Marker kennen die meisten Ärzte nicht einmal.

Hashimoto Thyreoiditis

Dies ist eine Autoimmunerkrankung, bei der der Körper seine Immunabwehr gegen sich selbst richtet und die Schilddrüse angreift. Sie ist inzwischen eine der Hauptursachen für eine Schilddrüsenunter-funktion. Es ist daher eigentlich unbegreiflich, dass normalerweise von Ihrem Arzt Schilddrüsen-Antikörper nicht getestet werden.

Böswillig (aber völlig richtig) wäre es jetzt zu behaupten, dass das nicht getan wird, weil es an der Therapie nichts ändert. Aber genau das ist der Fall. Leider wird dabei völlig übersehen, dass die Hashimoto Thyreoiditis heilbar ist oder zumindest in Remission gebracht werden kann. Das heißt die Zerstörung der Schilddrüse schreitet nicht weiter fort, und Sie behalten ein lebenswichtiges Organ, wenn man die Ursachen abstellt. Ich finde, das ist eine absolut erstrebenswerte Option.

Was aber noch wesentlich schlimmer ist: Wenn die Ursache der Autoimmunerkrankung nicht abgestellt wird, dann besteht ein vierfach erhöhtes Risiko für die Entwicklung einer zweiten Autoimmunerkrankung. Keine schönen Aussichten, finden Sie nicht?

Bestehen Sie also darauf, dass eine vollständiges Schilddrüsendiagnostik abgenommen wird. Diese besteht aus:

 

Wert Referenzbereich
Freies T4 oder Freies Thyroxin 0.8 – 2.0 ng/dl
Gesamt T3 0,9 – 1,8 ng/ml
Freies T3 oder Freies Trijodthyronin 0,2 – 0,4 ng/dl
Reverse T3 oder rT3 < 15 ng/dl
fT3 zu rT3 Quotient >2
TSH 0,1 – 2,5 mU/l
TPO Antikörper < 20 IU/ml

 

Sie sehen also, eine aussagekräftige Testung geht weit über die Bestimmung des TSH hinaus. Lassen Sie sich nicht mir diesem äußerst unspezifischen Wert abspeisen!