Sport Demenz

Wer rastet, der rostet – sportliche Aktivität schützt vor Demenz

Weltweit sehen wir einen Abbau kognitiver Fähigkeiten, der letztendlich zu einer Demenz führt. Zwei Risikofaktoren hierfür sind das Älterwerden an sich, aber auch das Auftreten eines Diabetes.

Die Lebenserwartung  ist in den letzten 120 Jahren deutlich gestiegen. Lag sie im Jahr 1900 für Männer bei 46,4 und für Frauen bei 52,5 Jahren, so stiegen diese Zahlen für jetzt geborene Kinder bei Jungen auf 81,7 und bei Mädchen auf 87,8 Jahre (1).

Leider nimmt durch unseren modernen Lebensstil auch die Rate der an Diabetes Erkrankten deutlich zu. So gab es im Jahre 2009 8,0 Millionen behandelte Diabetesfälle, entsprechend 9,7% der Bevölkerung. Das entspricht einem Anstieg von 49% gegenüber dem Jahr 2000 (5,4 Millionen Fälle, entsprechend 6,5% der Bevölkerung) (2). Dabei haben die über 60-jährigen die höchsten Steigerungsraten. In der Gruppe der über 65-jährigen sind in Deutschland schätzungsweise zwischen 16 und 23% von einer Diabeteserkrankung betroffen. Diese Gruppe macht über die Hälfte aller Diabetesfälle aus.

Kein Wunder also, dass man nach Wegen sucht, dieser auf uns zurollenden Demenzwelle zu begegnen. Und siehe da, es gibt ganz einfache Möglichkeiten, sich zu schützen – nämlich durch Sport.

Sport statt Tabletten

In frontiers in Neurology erschien 2017 eine Übersichtsarbeit, die aufzeigt, dass wir dringend Lebensstiländerungen und Sport zum Erhalt geistiger Fähigkeiten in unser Behandlungsregime einbauen sollten (3). Hinter dem Begriff „Sport“ verbergen sich dabei Aktivitäten wie Ausdauertraining, Radfahren, Krafttraining, Tai Chi und Yoga, die alle positive Auswirkungen auf den Erhalt der Hirnfunktion haben.

Wie Sport einer Demenz entgegenwirkt

Als ich Medizin studiert habe, hieß es noch, dass Nervenzellen, die verloren gehen, nicht ersetzt werden können. Heute sind wir schlauer. Das Gehirn ist sehr wohl in der Lage bis ins hohe Alter neue Nervenzellen zu produzieren, wenn man denn die richtigen Voraussetzungen dafür schafft.

Da Diabetiker besonders von neurodegenerativen Erkrankungen betroffen sind, erscheint es durchaus sinnvoll, den Effekt von sportlicher Betätigung bei dieser Personengruppe zu untersuchen. Eine Studie untersuchte die Auswirkungen von Fahrradfahren und Exergaming (zum Beispiel Nintendo Wii) bei älteren Diabetikern (4).

Sie kam zu dem Schluss, dass diejenigen Hirnregionen, die am meisten zum Verlust der kognitiven Fähigkeiten beitragen – der Präfrontale Cortex, der für die Exekutivfunktionen (geistige Fähigkeiten, die das menschliche Denken und Handeln steuern)   zuständig ist, und die Schädellappen, die für das Langzeitgedächtnis wichtig sind – auch genau die Hirnareale sind, die durch Sport positiv beeinflusst werden.

Sport wirkte sich auch auf die Größe des Hippocampus aus und verlangsamte damit die altersbezogene Hirnschrumpfung und das Fortschreiten einer leichten kognitiven Beeinträchtigung in eine Alzheimer Demenz. Bei der Speicherung neuer Gedächtnisinhalte spielt der Hippocampus die entscheidende Rolle – wem er fehlt, der kann sich nichts Neues merken.

Das ist aber noch nicht alles. Sport erhöht auch das Volumen der grauen und weißen Substanz in den Vorder- und Schädellappen des Gehirns. Es zeigte sich, dass ältere Personen, die sich immer sportlich betätigten, deutlich bessere kognitive Fähigkeiten, Aufmerksamkeit und Gedächtnisleistungen aufwiesen als Couch Potatoes.

Unterschiedliche Sportarten führen zu unterschiedlichen Auswirkungen auf das Gehirn

Bei der oben genannten Studie zeigte sich auch, dass nicht jede Sportart die gleichen Auswirkungen auf das Gehirn hat. Die Studienteilnehmer waren in zwei Gruppen aufgeteilt – die eine fuhr 30 Minuten Fahrrad im submaximalen Bereich (das heißt bei 80 – 90 Prozent der maximalen Herzfrequenz), die andere Gruppe spielte ebenfalls im submaximalen Bereich Exergames.

Im Ergebnis hatten die Fahrradfahrer einen 20-prozentigen Anstieg des Wachstumsfaktors BDNF (Brain-derived neurotrophic factor), einem Schlüsselprotein für die Neuroplastizität – also die Fähigkeit unseres Gehirns, sich zu ändern (neue Nervenzellen und Verdrahtungen aufzubauen). Weiterhin hatten sie einen 14-prozentigen Anstieg von VEGF (Vascular endothelial growth factor), der eine Schlüsselrolle in der Neubildung von Nervenzellen spielt. Die Exergamer wiesen diese Veränderungen nicht auf, was bedeutet, dass nicht jede Sportart die gleichen Auswirkungen auf das Gehirn hat.

Vaskuläre Demenzen werden ebenfalls positiv durch Sport beeinflusst

Nach der Alzheimer Demenz stellt die Vaskuläre Demenz die zweitgrößte Gruppe von Demenzen dar. Man versteht hierunter eine Demenz, die durch Störungen der Blutversorgung des Gehirns verursacht wird – also zum Beispiel in Folge von Mikroinfarkten oder auch einer Hirnblutung.

Eine Studie, die im Februar im British Journal of Sports Medicine erschienen ist, konnte aufzeigen, dass bei älteren Personen mit einer leichtgradigen vaskulären Demenz durch ein dreimal wöchentlich stattfindendes Ausdauertraining über 6 Monate sowohl die Hirnstruktur als auch exekutive Funktionen veränderten (5). Diese Veränderungen wurden mittels einer funktionellen Magnetresonanztomographie gemessen, das bedeutet die Probanden führten unter MRI Kontrolle die Erikson Flanker Aufgabe (6) durch. Es zeigte sich eine Reduzierung der Aktivierung des linken Hinterhauptskortex und des rechten oberen Schläfengyrus. Alles klar? Nun, auf gut Deutsch bedeutet das, die Probanden zeigten eine verbesserte (nämlich deutlich schnellere) Leistung bei Aufgaben, die die Exekutivfunktion testen.

Wir können also festhalten, dass es absolut keine Diskussion darüber gibt, dass Sport nicht nur körperliche sondern auch geistige Vorteile mit sich bringt. Je früher Sie damit anfangen, desto besser. Und wenn Sie sich dann noch eine oder mehrere Personen suchen, mit denen Sie zusammen trainieren können, dann schlagen Sie gleich zwei Fliegen mit einer Klappe, denn auch die Gemeinschaft ist für die körperliche und geistige Gesundheit unabdingbar.

 

 

(1) https://www.berlin-institut.org/newsletter/Newsletter_13_09_2006.html

(2) http://www.diabetes-deutschland.de/aktuellesituation.html

(3) Neuroprotective Effects of Physical Activity: Evidence from Human and Animal Studies  https://www.frontiersin.org/articles/10.3389/fneur.2017.00188/full

(4) Effects of Cycling and Exergaming on Neurotrophic Factors in Elderly Type 2 Diabetic Men – A Preliminary Investigation.  https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/28444660

(5) Aerobic exercise promotes executive functions and impacts functional neural activity among older adults with vascular cognitive impairment.   https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/28432077

(6) www.researchgate.net/publication/303403613_Eriksen-Flanker-Aufgabe

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