Medizinische Studien

Kann man medizinischen Studien wirklich trauen?

Medizinische Studien bilden das Rückgrad für Therapieleitlinien, therapeutische Empfehlungen und die Entscheidung darüber, was als gute Praxis zu gelten hat.  Sie gelten als Grundstein der Evidenzbasierten Medizin.

Im besten Fall soll es sich bei diesen Untersuchungen um doppelblind, randomisierte Studien handeln. Randomisiert bedeutet, es gibt eine Verumgruppe, die zum Beispiel mit einem Medikament behandelt wird, und eine Plazebogruppe, die nur die inzwischen wohlbekannte „Zuckerpille“ erhält.  Die Zuteilung zu einer dieser Gruppen erfolgt zufällig. Um unverfälschte Ergebnisse zu erhalten, wissen weder der Untersucher noch der Proband, ob das Medikament oder der Plazebo verabreicht wird (deshalb doppelblind).

Das klingt ja zunächst mal sehr gut und sollte dafür sorgen, dass die so erzielten Ergebnisse unvoreingenommen und richtig sind. Das ist aber leider nicht der Fall.

Medizinische Studien sind häufig fehlerhaft

John Ioannidis ist einer der bekanntesten Experten wenn es um die Frage der Glaubhaftigkeit medizinischer Studien geht. Er und sein Team haben immer wieder gezeigt, dass die Ergebnisse, die medizinische Forscher in ihren veröffentlichten Studien vertreten, häufig übertrieben oder sogar ganz einfach falsch sind. Dummerweise sind aber genau diese Studien die „Evidenzbasierte Medizin“,  auf die Ärzte sich verlassen, wenn sie Medikamente verschreiben oder zum Beispiel zu einer Operation raten.

Erschreckend ist die Größenordnung der Studien, von der Ioannidis hier spricht. Er kommt zu dem Ergebnis, dass bis zu 90 Prozent der veröffentlichten medizinischen Studien Fehler enthalten oder falsch sind (1).

Und er ist nicht der Einzige, der zu diesem Ergebnis kommt. Tatsächlich ist die Idee, dass die Therapien der Schulmedizin „wissenschaftlich nachgewiesen“ (Evidenzbasiert) sind und auf sicheren Füßen stehen sehr irreführend.  2007 fanden sich auf der „Clinical Evidence“ Webseite des British Medical Journals Daten, die besagten, dass von 2500 untersuchten Therapien:

  • 13 Prozent einen Nutzen aufwiesen
  • 23 Prozent einen möglichen Nutzen hatten
  • 8 Prozent sowohl nützlich als auch schädlich sein konnten
  • 6 Prozent eher keinen Nutzen hatten
  • 4 Prozent eher schädlich oder ineffektiv waren.

Die restlichen 46 Prozent der Therapien konnten weder als wirksam noch als schädlich eingestuft werden (2, 3). Ganz schön ernüchternd, oder?

Wir halten also mal fest, dass fast die Hälfte, der anerkannten Therapien keinen wissenschaftlichen Nachweis für ihren Nutzen haben.  Na ja, immerhin ist dieses Ergebnis noch deutlich besser als dasjenige zu dem das Office of Technology 1978  kam, dass nämlich nur 10 – 20 Prozent der medizinischen Therapien wissenschaftliche Beweise, die ihre Anwendung unterstützen, vorlegen können (4).

Untersuchungen zeigen auch auf, dass viele neue Therapien nur deshalb  größeren Zulauf finden als althergebrachte Therapien, weil sie einfach geschickter vermarktet werden – und nicht etwa, weil sie durch solide wissenschaftliche Studien gedeckt werden.

Auf diesen Punkt wies eine Untersuchung der Mayo Klinik aus dem Jahr 2013 hin (5).  Um die Wirksamkeit medizinischer Therapien zu bestimmen, wurde die Häufigkeit  der Abkehr von medizinischen Therapien über einen Zeitraum von 10 Jahren untersucht. Dabei kamen  die Forscher zu dem Ergebnis, dass eine Umkehr bei medizinischen Therapien nicht nur häufig ist, sondern, dass die angewendeten Therapien für den Patienten häufig keinen Nutzen bringen.

Am interessantesten ist vielleicht der Punkt in dem Bericht, der besagt, dass viele der allgemein angewendeten Therapien tatsächlich mehr Schaden anrichten als dass sie nutzen. Als Beispiel sei hier nur die Hormontherapie bei Frauen nach der Menopause genannt, die Herzinfarkte vermeiden sollte, aber zu einer Zunahme des Brustkrebsrisikos führte (10).

Befangenheit und Betrug stellen immer häufiger ein Problem dar

In den letzten Jahren  hat die Häufigkeit wissenschaftlicher Befangenheit und direkten Betrugs immer mehr Aufmerksamkeit erregt. Natürlich untergräbt diese Entwicklung die Glaubwürdigkeit jeglicher Art von Wissenschaft (6). Ein großer Schwachpunkt ist, dass Studien, die keinen Nutzen eines Verfahrens aufzeigen, häufig gar nicht veröffentlicht werden. Wenn dann doch eine Studie einen positiven Effekt zeigt und veröffentlicht wird, so verzerrt dies die Realität.

Und nicht zu vergessen – die Frage wie diese Studien eigentlich finanziert werden. Dummerweise ist es nämlich so, dass die meisten medizinischen Studien von der Pharmaindustrie bezahlt werden. Und es ist eigentlich allen klar, dass diese Tatsache einen großen Einfluss auf die Ergebnisse der Studien hat (jedenfalls sollten es alle wissen). Nicht umsonst müssen Interessenkonflikte der Autoren dargelegt werden (was aber leider nicht immer der Fall ist).

Wozu dies führen kann zeigt ein Bericht in LiveScience (7):

„Eines der bekanntesten Beispiele für Befangenheit betrifft den Selektiven Serotonin Wiederaufnahnehemmer (SSRI) Paroxetin, ein Antidepressivum. Der Hersteller GlaxoSmithKline unterdrückte Studienergebnisse aus vier Testreihen, die nicht nur keinen Effekt der Substanz bei einem Off-label Gebrauch bei Kindern und Teenagern nachweisen konnten, sondern Hinweise auf ein möglicherweise erhöhtes Selbstmordrisiko in dieser Altersgruppe aufzeigten.“

 

Nur zur Info: Psychopharmaka sind ein Riesengeschäft, obwohl ihre Wirksamkeit häufig überschätzt wird und unabhängige Studien nachweisen, dass sie nicht besser wirken als ein Plazebo (aber mit einem Haufen Nebenwirkungen). Würden Sie eine Pille einnehmen, die eigentlich keinen Nutzen hat, aber dafür einen Menge Nebenwirkungen? Dachte ich mir.

Selbst der Editor des Lancet – und das ist eine wirklich sehr angesehene medizinische Zeitschrift – schreibt, dass etwa die Hälfte der medizinischen Studien falsch sind (8).  Es wird leider immer offensichtlicher, dass es ein gut ausgebautes Netz zwischen der Pharmaindustrie und der Forschung gibt (9).

Mal ehrlich, würden Sie die Hand beißen, die Sie füttert?

 

(1) https://www.theatlantic.com/magazine/archive/2010/11/lies-damned-lies-and-medical-science/308269/

(2) How much of orthodox medicine is evidence based?  http://www.bmj.com/content/335/7627/951.2.full

(3) How Scientific Is Modern Medicine Really?  https://www.huffingtonpost.com/dana-ullman/how-scientific-is-modern_b_543158.html

(4) Assessing the Efficacy and Safety of Medical
Technologies.  http://ota.fas.org/reports/7805.pdf

(5) A Decade of Reversal: An Analysis of 146 Contradicted Medical Practices   http://www.mayoclinicproceedings.org/article/S0025-6196(13)00405-9/fulltext#sec4

(6) Science and Pseudoscience in Medicine: Evidence-Based vs. Evidence-Biased Medicine.  https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/28035123

(7) https://www.livescience.com/8365-dark-side-medical-research-widespread-bias-omissions.html

(8) Offline: What is medicine’s 5 sigma?  http://www.thelancet.com/journals/lancet/article/PIIS0140-6736(15)60696-1/fulltext

(9) http://www.nybooks.com/articles/2009/01/15/drug-companies-doctorsa-story-of-corruption/

(10) Menopausal hormone therapy and breast cancer: what is the true size of the increased risk?  https://www.nature.com/articles/bjc2016231

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