Neue Krebsmedikamente sind nicht wirklich effektiv

KrebsmedikamenteEs hat eine wahre Euphorie eingesetzt, was neue Krebsmedikamente betrifft. Die Presse ist voll von Meldungen über neue Therapien, die Krebspatienten Hoffnung auf Heilung geben. Für den einzelnen Betroffenen ist das natürlich ein Lichtblick, aber können die Medikamente tatsächlich halten, was die Pharmaindustrie uns verspricht?

Das Geschäft boomt. Die Preise für Krebsmedikamente sind stark gestiegen. Zur Zeit werden weltweit 100 Milliarden Dollar pro Jahr ausgegeben. Diese Kosten sollen bis zum Jahr 2020 auf 150 Milliarden Dollar steigen. Das ruft bei führenden Wissenschaftlern durchaus Kritik hervor. Die jährlichen Kosten für neue Medikamente liegen zur Zeit bei über 100.000 Dollar. In Amerika sind die Therapiekosten für eine Krebsbehandlung der führende Grund für Konkurse bei Privatleuten, da dort die Krankenversicherungen die Kosten nicht übernehmen und diese durch den Patienten abgedeckt werden müssen (1).

Einige Leute behaupten, dass diese hohen Preise angemessen sind. Schließlich müsse ja die Forschung und Entwicklung bezahlt werden. Es bleibt aber die Tatsache bestehen, dass bei einer Gegenüberstellung von Ausgaben und Einnahmen die Pharmakonzerne immer noch satte Gewinne einfahren.

Hohe Profite mögen ja auch irgendwie gerechtfertigt sein, wenn die neuen Krebsmedikamente den Patienten signifikante Vorteile bringen oder wenigstens signifikante Fortschritte gegenüber den alten Medikamenten aufweisen – zum Beispiel neue Funktionsweisen.

Sind teure, neue Krebsmedikamente wirklich besser?

Ein Kritiker der neuen Krebsmedikamente ist Dr. Vinay Prasad, Hämatologe und Onkologe an der Oregon Health & Science University (OHSU). Er bestätigt, dass viele neue, teure Krebsmedikamente teilweise nur sehr bescheidene Vorteile bieten und keine Beweise vorliegen, dass sie das Überleben oder die Lebensqualität verbessern.

So zeigt zum Beispiel eine Studie, die in JAMA Otolaryngology – Head and Neck Surgery veröffentlicht wurde, dass innerhalb von 12 Jahren – von 2002 bis 2014 – 72 neue Krebstherapien zugelassen wurden. Alle diese neuen Therapien führten dazu, dass die Lebenserwartung von Krebspatienten um 2,1 Monate anstieg (2). Das finde ich nicht besonders beeindruckend. Sie sicherlich auch nicht.

Tatsächlich hat die American Society of Clinical Oncology für neue Krebsmedikamente als Ziel ausgegeben, dass sie das Leben um 2,5 Monate verlängern müssen oder in dieser Zeit ein Tumorwachstum einschränken sollen (3). 2,5 Monate für Krebsmedikamente, die mit 100.000 Dollar zu Buche schlagen, klingt nach einem wirklich guten Deal für Pharmakonzerne.

Laut Dr. Prasad bieten 2/3 der Krebsmedikamente, die in den letzten zwei Jahren zugelassen wurden, überhaupt keine Überlebensvorteile.

Auch andere kritische Stimmen weisen auf diesen Missstand hin. Diana Zuckerman, Ph.D, Präsidentin des National Center for Health Research in Washington, D.C. veröffentlichte in JAMA Internal Medicine eine Studie, die belegt, dass 18 verschiedene zur Therapie zugelassene Krebsmedikamente, keine Lebensverlängerung erreichen konnten (4). Außerdem zeigte sich, dass nur ein Medikament die Lebensqualität der Patienten verbessern konnte, während zwei andere Medikamente sie sogar verschlechterten indem sie Nebenwirkungen verschlimmerten wie Durchfall, Müdigkeit, Schlafprobleme und Vergesslichkeit.

Übrigens zeigte die Studie auch, dass der Preis eines Medikaments nicht mit der Wirksamkeit zusammenhing. Viele der teuersten Medikationen waren auch die ineffektivsten.

In die Irre führende Werbung und gehypte Studienergebnisse erwecken unrealistische Hoffnungen

Manchen Therapien werden größere Effekte nachgesagt als sie tatsächlich liefern.

Nehmen wir das Beispiel Immuntherapie. Sie soll das Immunsystem des Patienten anregen, den Krebs zu bekämpfen, und wird als absoluter Durchbruch gefeiert. In Wirklichkeit profitieren aber nur 8 Prozent der Patienten von diesem Ansatz (5).

Zu bedenken ist auch, dass die Immuntherapie dazu führen kann, dass das Immunsystem verschiedene körpereigene Organe angreift und zerstört (6). Klingt für mich nicht wie eine „Wundertherapie“.

Ein weiterer neuer Ansatz ist die Präzisionsonkologie – oder auch personalisierte Onkologie. Sie beinhaltet einen genetischen Test und soll dafür sorgen, dass Krebsmedikamente speziell auf die genetischen Mutationen des jeweiligen Patienten zugeschnitten werden können. Klingt in der Theorie gut, funktioniert aber in der Praxis nicht.

In einem 2016 in Nature erschienenen Artikel erklärt Dr. Prasad, dass die personalisierte Onkologie zur Zeit bei etwa 1,5 Prozent der Krebspatienten einen Vorteil zeigt (7). Ein Problem dabei könnte sein, dass Krebs nicht auf einzelne Genmutationen zurückzuführen ist, die man schnell mal eben reparieren kann. Das ist die vereinfachte Erklärung, der alle hinterherjagen.

Tatsache aber ist, dass es eine ganz andere Erklärung für die Krebsentstehung gibt, die in einem veränderten Stoffwechsel der Krebszellen liegt (8). Dieses Phänomen wurde schon vor knapp 100 Jahren von Otto Warburg entdeckt und ist als Warburg Effekt bekannt. Es ist viel geschickter – und die sogenannte Alternativmedizin tut das auch – in diese Stoffwechselprozesse einzugreifen, um den Krebs zu zerstören, anstatt an Genen herumzuschrauben, die in ihrem Zusammenspiel von uns überhaupt nicht verstanden werden.

In diesem Zusammenhang kann ich Ihnen das Buch Paradigmenwandel von Travis Christofferson nur wärmstens empfehlen, in dem er beschreibt, warum die Suche nach mutierten Genen niemals zur Heilung von Krebserkrankungen führen wird.

Der Status Quo, wie er sich zur Zeit darstellt

Die Wahrheit ist – auch wenn wir in der Behandlung früher Krebsformen Fortschritte gemacht haben – werden die meisten Patienten mit fortgeschrittenen Krebserkrankungen am Krebs oder den begleitenden Therapien sterben. Ja, Patienten versterben auch aufgrund der Therapie! Pharmafirmen und Krankenhäuser nutzen die Hoffnungslosigkeit der Krebspatienten aus, indem sie im Endeffekt unwirksame Therapien anbieten, um einen möglichst großen Gewinn einzustreichen.

Man muss aber auch sehen, dass es inzwischen schon einige Wissenschaftler und Ärzte gibt, die auf diese Missstände hinweisen. So erklärte Otis Brawley von der American Cancer Society (9):

„Ich höre immer öfter, dass wir besser sind als ich glaube. Wir fangen an, unsere eigene Sch…e zu glauben.“

Schnellzulassungsverfahren für Medikamente – wie sollte es weitergehen?

Die Pharmafirmen, aber auch einige Ärztevertreter drängen inzwischen darauf, neue Medikamente im Schnellzulassungsverfahren zuzulassen, damit schwerkranke Patienten schneller von ihnen profitieren können. In Amerika ist dies bereits Realität.

Ein Schnellzulassungsverfahren führt dazu, dass Medikamente angewandt werden dürfen, die noch nicht abschließend auf Wirkungen und Nebenwirkungen untersucht worden sind. Da in Europa das Vorsorgeprinzip gilt, stellen sich einige Behörden einem verkürzten Zulassungsverfahren in den Weg.

Das Vorsorgeprinzip ermöglicht eine schnelle Reaktion angesichts möglicher Gefahren für die Gesundheit von Menschen, Tieren oder Pflanzen oder aus Gründen des Umweltschutzes. Insbesondere in den Fällen, in denen die verfügbaren wissenschaftlichen Daten keine umfassende Risikobewertung zulassen, ermöglicht der Rückgriff auf dieses Prinzip beispielsweise die Verhängung eines Vermarktungsverbots oder sogar den Rückruf etwaig gesundheitsgefährdender Produkte.

Mir ist klar, dass es für den einzelnen Krebspatienten eine furchtbare Situation ist, aber in Anbetracht der geringen Wirkung der neuen Krebsmedikamente würde ich doch lieber bei dem Grundsatz „auf jeden Fall nicht schaden“ (Hippokrates) bleiben. Und ganz ehrlich, es gibt deutlich bessere Therapien für Krebs als die von der Pharmaindustrie angebotenen.

 

 

(1) Five Years of Cancer Drug Approvals. Innovation, Efficacy, and Costs http://jamanetwork.com/journals/jamaoncology/fullarticle/2212206

(2) Unintended Consequences of Expensive Cancer Therapeutics—The Pursuit of Marginal Indications and a Me-Too Mentality That Stifles Innovation and Creativity. http://jamanetwork.com/journals/jamaotolaryngology/article-abstract/1891387

(3) Raising the Bar for Clinical Trials by Defining Clinically Meaningful Outcomes.  http://ascopubs.org/doi/full/10.1200/JCO.2013.53.8009

(4) Quality of Life, Overall Survival, and Costs of Cancer Drugs Approved Based on Surrogate Endpoints. http://jamanetwork.com/journals/jamainternalmedicine/article-abstract/2589085

(5) https://www.statnews.com/2017/03/08/immunotherapy-cancer-breakthrough/

(6) http://blog.dana-farber.org/insight/2016/02/what-are-the-side-effects-of-immunotherapy/

(7) Perspective: The precision-oncology illusion. https://www.nature.com/nature/journal/v537/n7619_supp/full/537S63a.htm

(8) http://www.nature.com/oncsis/focus/cm/index.html

(9) http://edition.cnn.com/2017/04/26/health/hope-vs-hype-cancer-treatment-partner/index.html