Flutkatastrophe Ahrweiler

Nur Beirut war schlimmer

Die Flut geht und die Katastrophe bleibt: Menschen voller Angst vor ihrer Zukunft an der Ahr

Bei der Einfahrt nach Bad Neuenahr ist das wie ein Zeitsprung, gebeamt nach Afghanistan oder in den Irak. Ein Fotograf, der Reporter in Kriegsgebieten war, sagt, schlimmer habe er nur Beirut erlebt. Die Sonne nur zu ahnen, verdeckt vom Staub, aus dem sich schemenhaft Kolonnen abzeichnen, die mit Blaulicht die Straßen hin und her fahren. Niemand mag hier Journalisten, die sich jetzt den Schlamm von Schuld ins Gesicht schmieren und dann vor die Kamera hüpfen. Sie sind 20 oder 24 Jahre alt, keine Lebenserfahrung. Keine Ausbildung im Fach, aber Sensationsgier. Nur so ist zu erklären, wie es wiederum zu einer völlig verzerrten Berichterstattung kommen konnte. Im Zentrum die Menschen und Tiere, die alles verloren haben und nicht wissen, was jetzt wird. Die Medien ziehen weiter, am Tag darauf ist schon Schlagzeile, ob Helene Fischer wieder singt.

Ferienanfang, Stau auf den Autobahnen, während die Eifel um ihre Zukunft kämpft. Schon das ist absurd genug. Ab Köln ist die Rheinbrücke gesperrt, der erste Pickup mit jungen Leuten auf der Ladefläche zeigt an: das ist der Weg. Niemand weiß jetzt genau, wie weit es hinein geht ins Katastrophengebiet entlang der Ahr, im Radio heißt es, die Hilfskräfte werden mit dem Shuttle abgeholt und abends wieder hinaus gebracht. Alleine das zu organisieren, ist ein Kraftakt.

Bei der ersten Ursachenforschung kommen verschiedene Themen auf, die von allen heiß diskutiert werden. Darunter eine, dass die Forstwirtschaft und die Grünen, Umwelt- und Naturschützer die Schuld tragen, weil die Wälder nicht aufgeräumt sind. Baumstämme, die im Wasser treiben, haben das Volumen der Flüsse aufgebläht und die Wucht erhöht. Ein Augenzeuge, der etwas höher wohnt in Schuld, sieht außer Holz eben auch Wohnwagen, Autos, Rundballen und eine Kuh an sich vorüber treiben. Ihn packt die Angst. Früher war Herbert beim Kampfmittelräumdienst, aber diese Angst ist ihm neu. Er sitzt im Rollstuhl und kann sich vor dem Wasser nur in Sicherheit bringen, wenn er sich die Treppe hinauf zieht, bis Nachbarn und die Feuerwehr kommen. „Früher hätten die Glocken der Kirche geläutet“, sagt Herbert mehr zu sich selbst, tapfer gegen die Tränen, die ihm aus den Augen fließen möchten, an. Auch Kirchenglocken sind heute abhängig von der Elektrik. Der Strom war weg. Die Bahnhofstraße in Schuld ist quasi weg. Beim nächsten Regen kommen diese Bilder wieder hoch.

Damit erübrigen sich im Vorfeld Überlegungen, welche WarnApp oder welches System besser vor der Katastrophe geschützt hätte. Der Tag des Tests der Sirenen im September 2020 wurde ignoriert. Das Netz in der Eifel war schnell tot: Festnetz, Mobiltelefone und das Internet. Eine Frau, die gerade noch ihren Mann und die Hunde in Sicherheit bringen konnte, gerettet in der Schaufel des Baggers eines Mannes aus dem Dorf. Die Hunde werden vom Tierheim in Koblenz geholt, der Abschied ist schwer. Aber wohin jetzt? Das Hotel im Nachbarort Winneroth nimmt Gestrandete auf. Beim Frühstück erzählt die Frau, dass sie schon Tage vorher die Daten im Netz gesehen hat: „Das ist zu umständlich“, bis sie die Pegel gefunden habe, die ihr deutlich gemacht hätten, was sie erwarten wird, sei eine Flut von Daten zu durchsuchen. Das ist nun die Aufgabe des Bundesamts für Katastrophenschutz, deren Leiter sich Fragen gefallen lassen muss, was hier schief läuft. Jeder schiebt es auf den anderen. Erst ist Europa verantwortlich für das Versagen, am Ende die Menschen selbst, die nach Seehofers Denke offenbar beratungsresistent sind. Diese Meinung wird vollmundig in Talkrunden geteilt, während die Menschen in der Eifel nicht wissen wohin. Die Angst vor der Zukunft bleibt noch unter der Haut.

Vor dem Winzerverein in Ahrweiler steht eine Frau auf dem Parkplatz und sieht erschöpfte Helfer, sich die Straße hinauf und hinunter schleppend, voller Staub und Schlamm. Fast in jeder Gruppe hält einer kurz an und tippt die Taste eines Klaviers, das vor den Zaun geschoben wurde. Es lenkt ab von der Szene aus Trümmern überall. Die Frau denkt laut über die Geschichte nach: „Hier sind schon seit dem Mittelalter die Soldaten durchgezogen. Wir wurden vergewaltigt und geplündert. Aber wir stehen immer wieder auf“. Die Menschen in der Eifel sind hartgesotten, viele helfen sich mit einer zynischen Art, Galgenhumor und sarkastischem Witz. Während Armin Laschet lacht.

Unter der Oberfläche macht sich dennoch Angst breit. Verzweiflung und das Gefühl, im Stich gelassen zu werden. Nicht von den Hilfskräften, die von überall her kommen und anpacken. Staubgraue Haare alle, ocker die Schuhe und die schwarze Arbeitskleidung. Wenn sie denn nicht vorher irgendwo abgezogen wurden oder im Radio gewarnt wird, niemand möge mehr die Straßen blockieren mit seinen privaten Pkw an der Ahr. Der Geruch ist überall, das Atmen fällt schwer. Wer hier noch fordert, die Menschen mögen wegen COVID doch Masken tragen, verkennt die Lage! Von Ort zu Ort verändert sich das, was die Nase wahrnimmt, in Neuenahr kommt die Gärung im Schlamm dazu, überall liegen die Zeitzeugen dafür: Weinflaschen. Vom Wein lebt die Region, vom Tourismus.

„Was die jungen Leute hier über die Tage leisten, ist unbeschreiblich“, lobt eine Frau einen Kilometer weiter in Walporzheim. Sie sagt, ihr kommen noch keine Tränen, sie lächelt sogar. Wenige Meter von ihrem Haus ist die Brücke nicht mehr da, das alte Feuerwehrhaus existiert nicht mehr, wie an der Ahr überall. Da steht noch ein Schild, die Namen der Weinköniginnen der letzten Jahre! Die ganze Wucht des Wassers wird sichtbar vor dem Steigenberger in Neuenahr: die Promenade mitten im Flussbett, uralte Steine Jahrhunderte alter Pfeiler, Geröll, die Bäume entwurzelt. Wenige Meter weiter stehen Menschen im Wasser, ignorieren, in welche Gefahr sie sich immer noch begeben, angesichts dessen, was an ihnen vorbei treibt, in den Büschen und am Ufer hängt. Die Villen und gepflegten Gebäude mitten in der Kurstadt sind leer. Die Menschen sind weg, ohne Strom und ohne Wasser keine Chance. Ob sie wieder in ihre Häuser zurück können und wollen, bleibt noch unklar. Fensterscheiben zertrümmert, Stühle und Tische noch im Schlamm, die Wände eingebrochen. Überall schleicht jemand herum. Der zähe Schlamm verstopft weiter die Straßen und die Kanalisation. Es regnet.

Ziel der Wut vieler Betroffener sind die Grünen und all die Schreie nach einer anderen Klimapolitik. Fluten gab es hier schon im Mittelalter, sagen sie alle, deren Familiengeschichten noch überliefert sind. Die letzte große Flut war 1910, Umwelt- und Naturschutz waren zu der Zeit den Gewerken und Landwirten überlassen, die sich heute gegängelt und ausgeblutet fühlen. Dabei waren sie es, die jetzt wieder als Ersthelfer alles geben. Man kennt sich, weiß, welcher Nachbar alt und gehbehindert ist, wo Hilfe dringend nötig ist. Organisationen und Einsatzleitungen von außen wissen das nicht. Aber es sind viele Ursachen, darunter eben auch die Geografie. 2013 in Sachsen, Königstein, da ist es ähnlich, im Elbtal. Die Häuser, die höher liegen, sind nicht betroffen. Grimma hat die Jahrhundertflut in diesem Jahrtausend schon das zweite Mal erlebt. Die Landwirte müssen irgendwie vor dem Regen noch die Ernte retten, die vom Wasser verschont wurde. Rundballen im Wasser, überall, am Ufer, die Flüsse suchen sich nach der Begradigung ganz offenbar ihre alten Betten. Die Argumentation hinkt, jeder „Experte“ kommt mit einer neuen Theorie, welche stimmt, wird erst klar, wenn alle Modelle auch in der Realität überprüft wurden. Alles bleibt sonst nur Spekulation, blanke Theorien.

Wer offen in Frage stellt, wie schlecht die Koordination der Aktionen seitens der Behörden erscheint, wird bekämpft. Es gibt Anrufe bei Ehemännern, ob sie ihre Frauen nicht im Griff haben. Frauen, die an der Straße stehen, Masken anbieten und Obst für die Autos mit Helfern bereit halten, daran mangelt es nicht. Wasser wird in großen Tanks öffentlich zugänglich gemacht, es ist vorbehandelt, sollte keimfrei sein. Dennoch wird vor Bakterien und Keimen gewarnt, in den Medien, man macht sich Sorgen wegen COVID-19. Das ist gerade im Katastrophengebiet das geringste Problem! Bis zu den Knien im Schlamm, Schaufel und Hammer in der Hand, wer soll da noch mit Maske atmen können.

Es scheitert schon an kleinen Dingen: die Orte sind überschwemmt, stinkender Schlamm, alles voller Müll, die Helfer aus allen Teilen des Landes. Niemand kennt sich aus, die Beschilderung ist ausgelegt auf Tourismus, nicht auf Katastrophe. Keiner kann Auskunft geben, weil selbst die Besatzung des Feuerwehrautos aus Ahrweiler gerade aus Schleswig Holstein stammt! Bürgermeister, die aus nicht erfindlichen Gründen Hilfskräfte ablehnen, ohne jede Koordination sind, Spenden abblocken, in die eigenen Taschen stecken und dann mit Plastiktüten voller Geld so tun, als wären sie die Wohltäter, so erzählen es die Heimatlosen aus den Dörfern beim Frühstück im Hotel, das wegen Corona vorher so lange geschlossen hatte und nun Hilfe anbietet, die Menschen versorgt. Eine Frau drückt das so aus: „Mir tut dieses betreute Wohnen gut, ich kann mich einfach gerade nur ablenken“. Korruption, unter den üblichen Verdächtigen, Gier nach Geld und Macht, das ist überall gleich. Die Parallele zu allen Themen, die gerade aufschwappen, ist nicht zu leugnen.

Bei den Gedanken daran, was hier an Seelsorge fehlt, welche Zukunftsängste auf die Menschen zu rollen, wenn die erste Ablenkung schwindet und etwas Ruhe einkehrt, wird deutlich, was alles fehlt. Wer ohne solche Katastrophen schon auf einen Termin beim Psychologen sechs bis neun Monate wartet, kann sich vorstellen, wie tief verankert die Angst die Menschen in der Eifel im Griff hat?

Karola Bady, in Ahrweiler

2 Gedanken zu „Nur Beirut war schlimmer“

  1. Ganz einfach, liebe Sylvia, weil es sich hier um einen redaktionellen Text handelt, der als Augenzeugenbericht aus dem Ahrtal beschreibt, was ich dort gesehen und erlebt habe. Dinge, die ich dort nicht gesehen habe oder die nicht erwähnt werden, kann ich darin eben nicht abhandeln. Weil ich diesen Beruf einst gelernt habe, aber kaum noch jemand aus meiner Zeit in dem Beruf ist, ich auch seit zwanzig Jahren nicht mehr. Was ein wenig auch die Misere erläutert, warum die Berichterstattung heutzutage lückenhaft bis gewollt falsch ist?

  2. Warum gibt es hier keine Erwähnung des HAARP Systems in Rostock? Diverse Analysen, die unter anderem Herr Wendler aufgedeckt hat, zeigen doch eindeutig, dass hier die Regierung ihre Finger im Spiel hatte! Das zeigt sich doch nicht zuletzt auch durch Herrn Laschets hamisches lachen. Er versucht nicht einmal, das zu verstecken.

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