Dampfen oder nicht dampfen?

Inzwischen trifft man sie fast überall an: E-Zigaretten oder E-Shishas. Die Umsätze von E-Zigaretten gehen steil nach oben. Für das Jahr 2016 erwartete der Verband des E-Zigarettenhandels ein Umsatzwachstum von 45 Prozent auf 400 Millionen Euro. 2015 lag der Gesamtumsatz der Branche bei 275 Millionen Euro. „Die Zahl der E-Zigarettennutzer wird sich von drei Millionen in 2015 auf 3,5 Millionen erhöhen, der Anteil der Gelegenheitsnutzer im Gesamtverhältnis sinken“, so der Verband.

Vernebelte Flüssigkeiten

E-Zigaretten bestehen aus einem Mundstück, einem Akku, einem elektrischen Vernebler und einer Wechsel-Kartusche, in der sich eine Flüssigkeit („Liquid“) befindet. Das Liquid enthält oft Nikotin und wird mit weiteren Chemikalien wie Propylenglykol, Glycerin und Aromastoffen von Wassermelone bis Kaugummi versetzt. Der beim Erhitzen des Liquids entstehende Dampf kann vom Benutzer durch Zug am Mundstück inhaliert werden, was vom Feeling her dem Zug an einer Zigarette entspricht. Raucher brauchen sich also nicht umgewöhnen und Nichtraucher können schon mal ein paar Probezüge nehmen.

Sicherer als Zigaretten?

Von Befürwortern der E-Zigaretten wird ins Feld geführt, dass sie sicherer sind als herkömmliche Zigaretten und Rauchern einen Rauchstopp erleichtern können. Die Gegner sind der Meinung, dass dieser Benefit meistens nicht gegeben ist (das heißt die Raucher rauchen auch weiterhin Zigaretten, wechseln aber mit E-Zigaretten ab) und dass die Gefahr besteht, dass Jugendliche, die niemals geraucht haben, anfangen, E-Zigaretten zu konsumieren, weil sie angeblich nicht schädlich sind.

Welche Inhaltsstoffe haben E-Zigaretten?

Nikotin

Nikotin ist eine suchterzeugende Substanz, und entgegen den Angaben der Hersteller enthält ein Großteil der Liquids Nikotin. Auch solche, die als nikotinfrei deklariert werden. Eine Studie aus dem Jahr 2014 zeigt auf, dass es im Nikotingehalt von E-Zigaretten der selben Marke und Stärke große Schwankungen gibt (1). Zu dem gleichen Ergebnis kam eine weiter Studie. Untersucht wurde der Nikotingehalt von Nachfüllkartuschen. Im Ergebnis zeigte sich, dass diese häufig signifikant von den Angaben auf der Packung abwichen (2).

Außerdem können erfahrene Nutzer ihre E-Zigarette so nutzen, dass sie mehr Nikotin abgibt. Neuere E-Zigaretten – besonders solche mit einem „Tank“ mit höherer Spannung liefern ebenfalls mehr Nikotin. Dies ist wichtig, denn je mehr Nikotin abgegeben wird, desto größer das Suchtpotential.

Nikotin ist, wie wir alle wissen, ein gefährlicher Stoff. Während der Schwangerschaft schädigt es den Fetus, und es verursacht bleibende Schäden am Gehirn und der Lungenfunktion von Neugeborenen. Außerdem führt die Nikotinexposition zu niedrigem Geburtsgewicht, Früh- und Totgeburten. Sie kann auch einen Plötzlichen Kindstod auslösen (3).

Auch die Gehirnentwicklung von Heranwachsenden wird durch Nikotin geschädigt. Die Entwicklung des menschlichen Gehirns dauert sehr viel länger als bisher angenommen wurde, und Nikotinkonsum im Teenager- und jungen Erwachsenenalter wurde mit anhaltenden kognitiven und Verhaltensauffälligkeiten in Zusammenhang gebracht – inclusive Arbeitsgedächtnis und Aufmerksamkeit (4).

Andere Chemikalien

Tatsächlich ist nicht bekannt, welche schädlichen Stoffe sich in E-Zigaretten befinden. Eine Übersicht mehrerer Studien zeigte auf, dass die Konzentrationen von Toxinen im Aerosol von E-Zigaretten sich sowohl zwischen den Herstellern als auch in verschiedenen Produkten des selben Herstellers signifikant unterschieden. Gerade E-Zigaretten mit einer höheren Spannung geben mehr Formaldehyd ab. Diese Substanz wird als Karzinogen (Krebsauslöser) klassifiziert. Einige im Labor untersuchte Liquids enthielten geringe Mengen an giftigen Substanzen wie tabakspezifische Nitrosamine und Diethylenglykol (DEG) (5), in Ausnahmefällen wurden sogar verschreibungspflichtige Medikamente gefunden (Wirkstoffe zur Behandlung von Übergewicht / Impotenz).

Aromastoffe in E-Zigaretten sind ein weiterer Grund zur Besorgnis. Die Stoffe zielen darauf ab, Jugendliche zum Konsum zu verleiten. Aber auch die Frage, ob die Stoffe an sich gefährlich sein könnten, ist noch nicht geklärt. Zwar handelt es sich bei den Stoffen um Substanzen, die für die orale Aufnahme als sicher gelten (und schon das möchte ich mit einem großen Fragezeichen versehen), aber ob sie auch inhalativ sicher sind, ist überhaupt noch nicht untersucht worden.

Beispielhaft sei hier nur das Diacetyl erwähnt, eine Chemikalie, die wie Butter schmeckt und oft zu Nahrungsmitteln wie Popcorn, Caramel oder Milchprodukten hinzugefügt wird. Diese Substanz wird teilweise auch in E-Zigaretten verwendet. Diacetyl kann eine ernste und irreversible Lungenerkrankungen hervorrufen, die sogenannte „Popcorn-Lunge“ (6).

E-Zigaretten und Passivrauchen

E-Zigaretten Dampfer sind häufig der Meinung, dass für sie das Rauchverbot in öffentlichen Gebäuden, Bars und Restaurants nicht gilt. Es stellt sich also die Frage, ob die E-Zigaretten im Gegensatz zu Zigaretten für Passivraucher (oder -dampfer) kein Gesundheitsrisiko darstellen.

E-Zigaretten sind zwar rauchfrei, setzen andere Personen aber trotzdem Emissionen aus. Zwei Studien haben in diesen Emissionen Formaldehyd, Benzol und tabakspezifische Nitrosamine gefunden. Alle diese Stoffe sind krebserregend. Mit dem ausgeatmeten Aerosol gelangen gesundheitsschädliche Substanzen wie Propylenglykol, lungengängige Partikel, Formaldehyd, Acetaldehyd, flüchtige organische Substanzen und Metalle in die Raumluft (7). Zwar ist die Belastung geringer als durch Zigarettenrauch, aber wenn viele E-Zigaretten gleichzeitig konsumiert werden, steigt die Belastung der Raumluft mit Partikeln auf Werte wie in einer verrauchten Bar (8). Das klingt nun wirklich nicht gut.

Wir können also festhalten, dass dieser Dampf gefährliche Stoffe enthält, die zum Schutz von Nichtrauchern durchaus einer Regulierung bedürfen. Meiner Meinung nach sollten E-Zigaretten überall dort verboten sein, wo es normale Zigaretten auch sind.

Können E-Zigaretten beim Rauchstopp helfen?

Viele Hersteller vermarkten ihre E-Zigaretten als Hilfe zur Tabekentwöhnung. Fundierte wissenschaftliche Untersuchungen gibt es dazu zur Zeit noch nicht wirklich. In einer Metaanalyse wurde festgestellt, dass nikotinhaltige E-Zigaretten Raucher womöglich bei der Entwöhnung unterstützen können (9), allerdings war nicht klar, ob sie so effektiv wie Nikotinpflaster sind. In Anlehnung an den vorigen Absatz, kann ich nur sagen: Nikotinpflaster haben keine Emissionen. Und übrigens beinhaltet eine erfolgreiche Tabakentwöhnung eine Verhaltensänderung (eben nicht den automatischen Griff zur Zigarette).

Tatsächlich sieht es so aus, dass viele Raucher einen dualen Konsum betreiben. Laut einer CDC Erhebung waren 2015 58,8 % der Personen, die E-Zigaretten dampften auch noch Zigarettenraucher (10). Zu denken geben sollte aber vor allem der Aspekt, dass in der Gruppe der 18 – 24 Jährigen ein großer Anteil nur E-Zigaretten raucht. Könnte dies darauf zurückzuführen sein, dass diese als unschädlich angesehen werden? Hier ist offenbar Aufklärung nötig.

Die großen Unbekannten

Darüber hinaus sind die Langzeitfolgen von jahrzehntelanger Nikotinzufuhr in vaporisierter Form bisher nicht bekannt, da es E-Zigaretten erst seit etwa 10 Jahren gibt. Es ist auch unklar, ob Propylenglykol, das ein bekannter Reizstoff für die Atemwege ist, eventuell als Spätfolge zu Lungenproblemen führen könnte. Auch die Auswirkungen auf Herz- oder Krebserkrankungen sind unbekannt.

Allerdings wurden schädliche Effekte auf die Atmungsorgane bereits nach 5-minütigem Rauchen einer E-Zigarette (12) nachgewiesen. Dabei handelte es sich um:

  • ausgeprägte Atemwegseinengungen
  • Absinken des Stickoxids in der ausgeatmeten Luft, dies weist auf Entzündungsvorgänge in den Bronchien hin
  • Reizungen in Rachen und Mundraum
  • trockener Husten.

Es ist also wohl von Spätfolgen auszugehen.

Eine weitere nicht beantwortete Frage ist, wie sich die in den Geräten verwendeten Aromastoffe auf die Gesundheit auswirken. Laut American Lung Association gibt es zur Zeit etwa 7700 verschiedene Aromastoffe in E-Zigaretten. Diese große Auswahl verleitet junge Leute zum Dampfen.

Bisher ist es unbekannt, ob diese Aromastoffe, wenn sie inhaliert werden, Auswirkungen auf die Atemwege haben. Auf diesem Gebiet werden deutlich mehr Untersuchungen benötigt. Man weiß auch nicht, ob die Aromastoffe das Suchtpotential von Nikotin in irgendeiner Weise beeinflussen.

Desweiteren fehlen Untersuchungen zur Klärung der Frage, ob E-Zigaretten tatsächlich zur Raucherentwöhnung geeignet sind. Die FDA hat E-Zigaretten bisher jedenfalls nicht für die Tabakentwöhnung genehmigt (und das will schon etwas heißen).

Übrigens gelten in Deutschland die Qualitäts- und Sicherheitsanforderungen, die bisher festgelegt wurden, nur für nikotinhaltige E-Zigaretten. Das heißt, das nur der Hersteller von nikotinfreien Liquids weiß, was er tatsächlich hineingemischt hat. Das halte ich im Hinblick auf die vielen Unbkannten für höchst bedenklich.

 

(1) Nicotine content of electronic cigarettes, its release in vapour and its consistency across batches: regulatory implications.  https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/24345184

(2) Variable and potentially fatal amounts of nicotine in e-cigarette nicotine solutions. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/23407110

(3) https://e-cigarettes.surgeongeneral.gov/documents/2016_SGR_Full_Report_non-508.pdf

(4) https://www.cdc.gov/tobacco/data_statistics/sgr/50th-anniversary/index.htm

(5) U.S. Food and Drug Administration (2009). Evaluation of e-cigarettes.  http://www.fda.gov/downloads/Drugs/ScienceResearch/UCM173250.pdf

(6) Evaluation of electronic cigarette liquids and aerosol for the presence of selected inhalation toxins.  https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/25180080

(7) Background papers to the WHO report on electronic nicotine delivery systems and electronic non-nicotine delivery systems (ENDS/ENNDS).  http://www.who.int/tobacco/industry/product_regulation/eletronic-cigarettes-report-cop7-background-papers/en/

(8) Soule EK, Maloney SF, Spindle TR, Rudy AK, Hiler MM, Cobb, CO: Electronic cigarette use and indoor air quality in a natural setting. Tob Control 2017; 26: 109–12.  http://tobacco.cleartheair.org.hk/wp-content/uploads/2016/02/Ecig-indoor.pdf

(9) http://www.cochrane.org/CD010216/TOBACCO_can-electronic-cigarettes-help-people-stop-smoking-and-are-they-safe-use-purpose)

(10) https://www.cdc.gov/mmwr/volumes/65/wr/mm6542a7.htm

(11) Electronic cigarettes: human health effects.  http://tobaccocontrol.bmj.com/content/23/suppl_2/ii36.full

(12) Short-term pulmonary effects of using an electronic cigarette: impact on respiratory flow resistance, impedance, and exhaled nitric oxide.  https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/22194587