ADHS – Es müssen nicht immer Psychopharmaka sein

In Deutschland wird die Diagnose ADHS bei 5% der Kinder und Jugendlichen gestellt, das entspricht ca. 500.000 Betroffenen zwischen 6 und 18 Jahren. Die Tendenz steigt deutlich. Allerdings muss man auch sehen, dass Lehrer und Erzieher heute schnell dieses Etikett für Kinder vergeben, die irgendwie auffällig sind und nicht in die Norm passen.

Der von Wilhelm Busch beschriebene Zappelphilipp ist ein Paradebeispiel für ein Kind mit ADHS, und wir alle erinnern uns wohl an Mitschüler oder Spielgefährten, die in dieses Schema hineinpassen. Der Unterschied ist, vor 40 Jahren wurden diese Kinder nicht mit Amphetaminen und Noradrenalin Wiederaufnahmehemmern behandelt, um sie besser handhaben zu können.

ADHS Statistik

 

Wenn Sie selbst ein Kind haben, dass von dieser Erkrankung betroffen ist, stellt sich die Frage – was können Sie tun? Das Aufmerksamkeitdefizit-syndrom ist die am häufigsten gestellte Diagnose in der Kinderpsychiatrie. In der Vergangenheit wurde diese Erkrankung in den meisten medizinischen Fachzeitschriften als geringfügiger Hirnschaden, hyperaktives Kind Syndrom oder geringfügige cerebrale Fehlfunktion beschrieben.

Typische Symptome des ADHS

  • kurze Aufmerksamkeitsspanne
  • geringe Konzentrationsfähigkeit
  • Schwierigkeiten, Dingen zu folgen
  • Flüchtigkeitsfehler
  • Ungeduld, nicht warten können
  • Vorlaute Art
  • Impulsivität
  • Hyperaktivität
  • Dinge nicht zu Ende bringen können
  • fehlendes Durchhaltevermögen
  • schlechte Organisation.

Diese Symptome führen häufig zu Schulproblemen sowohl beim Lernen als auch durch die Verhaltensauffälligkeiten. Aufgaben, die Konzentration erfordern, sind fast unmöglich zu erfüllen, was bei den Betroffenen zu Frustration, Reizbarkeit, Aufregung und häufig leichtsinnigem Verhalten führt.

Man unterscheidet drei Typen des ADHS:
  1. Unaufmerksam
  2. Vorwiegend hyperaktiv
  3. Kombinierter Typ.

Bei Mädchen kommt vor allem die Unaufmerksamkeit vor, während Jungen eher hyperaktiv sind. Wenn ein Kind mit nicht diagnostiziertem ADHS zum Teenager heranreift, besteht ein erhöhtes Risiko für Drogenmisbrauch und kriminelles Verhalten. Betroffene haben häufig keinen Schulabschluss.

Im Erwachsenenalter sind die vorherrschenden Symptome das Unvermögen, Arbeiten zu beginnen oder zu Ende zu bringen, Desorganisation und Konzentrationsschwäche.

Die konventionelle Behandlung des ADHS

Wird die Diagnose ADHS gestellt, so wird den Eltern in der Regel geraten, die Symptome mittels Tabletten in den Griff zu bekommen. Hierzu werden meist die Psychostimulantien Methylphenidat (Ritalin) und Dexamphetamin (Attentin) oder der Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer Atomoxetin (Strattera) verschrieben. Die Substanzen werden als „gut verträglich“ eingestuft, was aufgrund der Tatsache, dass sie ein deutliches Suchtpotential (1) haben, etwas merkwürdig anmutet. Es wird auch diskutiert, ob diese Medikamente mitverantwortlich für ein erhöhtes Suizidrisiko (Selbstmord) bei ADHS Patienten sein könnten (2)

 

ADHS Methylphenidat-Verbrauch

Quelle: www.lehrerfreunde.de

 

Sowohl bei den Amphetaminen als auch bei den Methamphetaminen wird die aufputschende Wirkung durch die verstärkte Freisetzung von Noradrenalin und Dopamin hervorgerufen. Der Körper wird sozusagen in Alarmbereitschaft versetzt; Funktionen wie Atmung, Puls und Blutdruck stellen sich auf Angriff oder Flucht ein (d. h. er befindet sich in einer Stresssituation). Mit der erhöhten Aufmerksamkeit und Leistungsbereitschaft geht ein euphorisches Selbstbewusstsein einher. Von der Pharmakokinetik (Verstoffwechslung) her entspricht Ritalin übrigens genau der Droge Kokain (3).

Sie müssen sich das mal so vorstellen, dass diese Psychostimulantien im Wesentlichen nichts anderes sind als das althergebrachte Speed, das auf der Straße verkauft wird. Als Partydroge ist es illegal, aber Kindern und Jugendlichen kann man es ganz legal verschreiben.

Alternative Behandlungsmethoden

Es gibt viele Gründe für das Auftreten eines ADHS, und wenn Sie Ihrem Kind etwas Gutes tun wollen, dann sollten Sie nach den Gründen suchen, warum die ADHS Symptome auftreten.

Von ADHS Betroffene haben oft Verdauungsprobleme, Umwelt- und Nahrungsmittelunverträglichkeiten, Nährstoffmängel, Schwermetallbelastungen, Fettsäuren- und Aminosäurenimbalancen, Überempfindlichkeiten auf Lebensmittelzusatzstoffe und Zucker.

Einige Studien geben einen Hinweis auf eine genetische Vorbelastung. Kinder mit ADHS haben in der Anamnese (medizinischen Vorgeschichte) häufige Ohrentzündungen (Otitis media), die zu inflationärem Antibiotikaeinsatz und damit zu einer Schädigung des Darmmikrobioms führen.

Es ist sehr schade, dass die meisten Eltern von Kindern mit ADHS nicht über mehr Optionen als die medikamentöse Behandlung und eventuell noch eine Verhaltenstherapie aufgeklärt werden. Natürlich hat die medikamentöse Therapie eine deutliche – und vor allem schnelle – Auswirkung auf die Symptome, aber zu welchem Preis? Sicher ist es toll, wenn ein Kind, das unaufmerksam war, auf einmal konzentriert arbeiten kann und in der Schule gut mitkommt. Was könnte schöner sein? Aber sind Sie auch über die Langzeitfolgen und Gesundheitsrisiken aufgeklärt worden?

Studien an Kindern, die Ritalin einnehmen, zeigen dass der PET Scan (Positronen-Emissions-Tomographie = bildgebendes Verfahren der Nuklearmedizin) immer noch hoch abnormal war, obwohl die Symptome gebessert waren.

Die meisten Ärzte sind natürlich sehr von der Pharmaindustrie beeinflusst und tendieren deshalb dazu, schnell den Rezeptblock zu zücken. Ärzten, die sich mehr mit den Auswirkungen der Ernährung auseinandersetzen, ist schon seit langer Zeit klar, dass Nahrungsmittelallergien und -unverträglichkeiten zu den Hauptauslösern eines ADHS gehören.

Und das ist auch keine neue Erkenntnis. Bereits 1985 erschien im Lancet eine Studie, die den Effekt verschiedener Nahrungsmittel auf 76 hyperaktive Kinder untersuchte (4). 79 % der Kinder hatten deutliche Verbesserungen in ihrer mentalen Aktivität, ihrer Impulskontrolle und ihrem Verhalten wenn sie Nahrungsmittel, auf die sie mit Unverträglichkeiten reagierten, nicht mehr aßen, und 28 Kinder zeigten sogar ein ganz normales Verhalten. Als die allergieauslösenden Nahrungsmittel wieder eingeführt wurden, zeigten alle Kinder wieder die hyperaktiven Symptome. Noch Fragen?

 Ursachen für das Auftreten eines ADHS

  • Nahrungsmittelunverträglichkeiten. Hier sind vor allem Zucker und Zusatzstoffe zu nennen (5). Manche ADHS-Kinder leiden auch an einer Unverträglichkeit von Milcheiweiß oder Gluten (6), sodass diskutiert wird, ob bei einer ADHS Diagnose eine Zöliakie (Glutenunverträglichkeit) ausgeschlossen werden muss.
  • Schwermetallbelastung – besonders Blei ist in diesem Zusammenhang zu nennen. Dr. H.L. Needlemen von der Medizinischen Fakultät der Universität Pittsburgh hat einen klaren Zusammenhang zwischen den Bleikonzentrationen im Blut von Kindern und spezifischen ADHS Symptomen herausgestellt (7). Nachfolgende Studien haben gezeigt, dass diese Effekte häufig im Erwachsenenalter weiter fortbestehen. Auch Quecksilber wird mit ADHS in Zusammenhang gebracht. Es soll vor allem die kognitive Entwicklung bei Kindern verzögern.
  • Umweltgifte u.a. Tabakrauch, Pestizide und polychlorierte Biphenyle (PCB).
  • Mikronährstoffmangel. Schuld daran ist der Trend in Richtung Fertiggerichte und Fast-Food-Erzeugnisse. Ein Mikronährstoffmangel trägt in vielen Fällen dazu bei, die ADHS-Symptomatik zu fördern, da einige der Mikronährstoffe mittelbar und unmittelbar am Botenstoffwechsel beteiligt sind. So ist für die Bildung von Dopamin die Aminosäure Tyrosin erforderlich, und aus Tryptophan entsteht der stimmungsaufhellende Botenstoff Serotonin (8).
  • Fettsäuremangel. Das Nervensystem besteht zu über 50 Prozent aus Fett. Mehrfach ungesättigte Fettsäuren machen einen großen Anteil des Gehirnfettes aus und beeinflussen damit sogar die Größe des Gehirns. Sie sind maßgeblich am Lernvermögen beteiligt und somit ausschlaggebend für die Fähigkeit zur Konzentration. Von großer Bedeutung sind Omega-3 und Omega-6 Fettsäuren.
  • Aminosäurenimbalancen. S. Mikronährstoffmangel.
  • Methylierungsstörungen. Das Hinzufügen oder Entfernen von Methylgruppen bewirkt drastische Veränderungen, denn es schaltet wichtige Gene ein und aus. Unter anderem aktivieren Methylgruppen Serotonin (das Glückshormon) und Melatonin (für erholsamen Schlaf) sowie weitere Neurotransmitter (Nervenbotenstoffe), die für ein psychisches Gleichgewicht wichtig sind.
  • Darmdysbiose. Bei der Dysbiose ziehen sich die freundlichen Bakterien (z. B. Laktobakterien und Bifidobakterien) zugunsten der schädlichen Fäulnisbakterien zurück. Da die freundlichen Bakterien in Symbiose mit uns leben, wir also auf sie und ihre Arbeit angewiesen sind, wirkt sich ihr Verschwinden automatisch negativ auf das Befinden aus. Unter anderem kann die Abwesenheit der „guten“ Bakterien zu Nahrungsmittel-unverträglichkeiten und einem Mikronährstoffmangel beitragen.

Fazit

Bei meiner Arbeit treffe ich immer wieder auf Kinder mit der Diagnose ADHS. Die meisten Eltern wollen das Beste für ihr Kind und machen sich Gedanken darüber, ob die Medikation tatsächlich der richtige Weg ist. Und hier beginnt ihr Dilemma. Die meisten Ärzte suchen nicht nach den Ursachen für das ADHS, sondern erklären, dass die Medikation die einzige Chance auf Besserung der Symptomatik ist.

Der steinige Weg ist die Suche nach den Ursachen, aber nur er verspricht tatsächlich Hilfe bei dieser Erkrankung. Wie schon häufiger angemerkt, sind die Tabletten nur ein Herumdoktern an Symptomen, sie verändern nicht den zugrunde liegenden Krankheitsprozess. Und der kann – wie ich aufgezeigt habe – vielfältige Ursachen haben. Wenn Ihr Kind eine Nahrungsmittelunverträglichkeit hat, dann sollte es das betreffende Nahrungsmittel nicht mehr essen und nicht eine Pille nehmen, die in die Reizübertragung im Gehirn hineinpfuscht. Eine Schwermetallbelastung sollte von jemandem, der etwas davon versteht, ausgeleitet werden. Sie verstehen, was ich meine…

Eins ist ganz klar – die Ursache für ein ADHS liegt nicht in einem Ritalin-Mangel.

 

(1) ADHS und Sucht: erste Erfahrungen in der Behandlung mit Atomoxetin.  https://www.thieme-connect.com/products/ejournals/abstract/10.1055/s-2005-858616

(2) Mortality associated with attention-deficit hyperactivity disorder (ADHD) drug treatment: a retrospective cohort study of children, adolescents and young adults using the general practice research database.  https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/19810780?dopt=Abstract

(3) The Cult of Pharmacology. https://books.google.de/books?id=pil-29J020IC&pg=PA10&lpg=PA10&dq=pet+scan+and+ritalin&source=bl&ots=C7o9kAz9EE&sig=Mf9DAh8GYYd0MFleX7xUXA2b6hI&hl=de&sa=X&ved=0ahUKEwj7mJmRs9nUAhXF7RQKHT5cBvEQ6AEIMTAC#v=onepage&q=pet%20scan%20and%20ritalin&f=false

(4) Controlled trial of oligoantigenic treatment in the hyperkinetic syndrome. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/2857900

(5) Foods and additives are common causes of the attention deficit hyperactive disorder in children. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/8179235

(6) Association of Attention-Deficit/Hyperactivity Disorder and Celiac Disease: A Brief Report https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC3184556/

(7) LEAD POISONING http://rachel.org/files/document/Lead_Poisoning.pdf

(8) http://www.adhs-ernaehrung.com/fachartikel/adhs-mikronaehrstoffmaengel

Ist Quinoa eine sichere Alternative zu Getreide

Von Leuten, die sich glutenfrei ernähren wollen, werde ich häufig gefragt, ob Quinoa eigentlich eine gute Alternative für Getreide ist.

Was genau ist Quinoa?

Quinoa ist eine Pflanzenart, die zur Familie der Fuchsschwanzgewächse (Amaranthaceae) gehört (zusammen mit Amaranth). Es handelt sich bei Quinoa um ein sogenanntes Pseudogetreide. Dies sind Körnerfrüchte von Pflanzenarten, die nicht zur Familie der Süßgräser (Poaceae = alle echten Getreidearten) gehören, aber ähnlich wie Getreide verwendet werden.

In Südamerika gehört es zu den Grundnahrungsmitteln und wird vor allem in den Anden angebaut. Quinoa hat einen anständigen Proteingehalt und enthält außerdem  eine Anzahl Mineralien und B-Vitamine.

Das Angebot an glutenfreien Produkten hat ja in letzter Zeit sehr zugenommen, und damit ist auch die Nachfrage nach Quinoa stark gestiegen. Es wird als sichere und gesunde Alternative zu Weizen, Gerste und Roggen und anderen glutenhaltigen Getreide (also eigentlich alle Getreide) vermarktet. Die Leute stellen sich also zu Recht die Frage, ob Quinoa ein sicheres, glutenfreies Nahrungsmittel ist.

Da gibt es einige Probleme

Technisch gesehen ist Quinoa kein Getreide und damit glutenfrei. Es wird allerdings häufig in Industrieanlagen verarbeitet, die auch Getreideprodukte herstellen. Dadurch kann es zu einer Kreuzkontamination (also einer ungewollten Verunreinigung) kommen. In einer US Studie wurden 22 Produkte, die von Natur aus glutenfrei sein sollten (z. B. Hirse), zufällig aus dem Supermarktregal genommen und auf einen eventuellen Glutengehalt getestet. Es zeigte sich, dass 41 Prozent dieser Proben genug Gluten enthielten, um jemandem mit einer Gluten-unverträglichkeit ernste Probleme zu bereiten (1).

Und dann ist da noch der Punkt, dass es sich bei Quinoa um Samen handelt. Diese sind von Haus aus schwer zu verdauen. Viele Samen enthalten zudem glutenähnliche Proteine und chemische Verbindungen, die sogenannten Lektine. Viele dieser lektin- und glutenbasierten Substanzen haben sich als sehr ungesund erwiesen, da sie zu Verdauungsbeschwerden (Leaky Gut) und Entzündungen sowie zur Ausbildung von Autoimmunerkrankungen führen können.

Die Sache mit den Speicherproteinen

Wie schon gesagt ist Quinoa glutenfrei, wenn man die Definition von Gluten in Bezug auf die Zöliakie heranzieht. Die sieht folgendermaßen aus:

„Gluten setzt sich aus verschiedenen Proteinen, Glutelinen und Gliadinen oder anderen Prolaminen zusammen. Die Gliadinfraktion ist für die Unverträglichkeit von Gluten im Rahmen der Zöliakie und vermutlich auch für die Glutensensitivität verantwortlich. Gluten ist natürlicherweise in Weizen, Gerste, Roggen, Dinkel, Hafer, Spelt, Triticale, Emmer, Kamut und Grünkern enthalten.“  (2)

Quinoa besitzt jedoch „glutenartige“ Speicherproteine, die ähnliche Auswirkungen haben können wie diejenigen aus Weizen, Roggen und Gerste. Es stellt sich also die Frage: Sind diese Speicherproteine dem traditionellen Gluten (α-Gliadin) ähnlich genug, um eine Immunreaktion bei Zöliakie Patienten oder Menschen mit Glutenunverträglichkeit auslösen zu können. Und nach einer Studie, die 2014 im American Journal of Gastroenterology veröffentlicht wurde,  ist die Antwort darauf ein klares Ja.

 

Studie identifiziert Quinoa als potentiell gefährlich

In ihrer Studie untersuchten V.F. Zevallos et al. 15 verschiedene Quinoasorten, um ihre Sicherheit für Menschen mit Zöliakie zu testen (3).

Die Quinoa Proteine wurden daraufhin untersucht, ob sie eine vermehrte Produktion von IFN-Gamma (Interferon) oder IL-15 (Interleukin) hervorrufen. Diese entzündungsauslösenden Substanzen – auch als Cytokine – bezeichnet, spielen eine wichtige Rolle bei der Immunantwort auf Gluten.

Die Studie kam zu dem Ergebnis, dass zwei der fünfzehn getesteten Quinoasorten („Ayacuchana“ und „Pansakalla“) die Immunantwort genauso stark aktivierten wie Gluten.

Das bedeutet also, dass Quinoa für Menschen mit Zöliakie oder Glutenunverträglichkeit womöglich kein so sicheres Nahrungsmittel ist wie bisher angenommen. Und außerdem zeigt diese Studie wieder einmal auf, wie falsch die Annahme ist, dass nur Proteine in Weizen, Roggen und Gerste problematisch für Menschen mit Glutenunverträglichkeit sind.

Brauchen wir eine andere Definition von Gluten?

Der derzeit gebräuchliche Test zum Nachweis von Gluten nennt sich ELISA (Enzyme Linked Immunosorbent Assay). Es handelt sich um eine Methode zur Bestimmung der Konzentration von Antigenen oder Antikörpern. In Bezug auf Gluten misst der Test die Menge von α-Gliadin im Nahrungsmittel (denn das ist das Gluten, das in Weizen, Roggen und Gerste vorkommt).

Dummerweise misst dieser Test aber nicht, ob andere Glutene (und davon gibt es hunderte) oder glutenähnliche Proteine vorhanden sind, die den Patienten Probleme bereiten könnten. Auf dieses Problem wurde schon häufig hingewiesen.

Man muss bedenken, dass  für Reis, Mais, Soja und Milchprodukte nachgewiesen wurde, dass sie Entzündungen und/oder Mikrovilli-Atrophie (= der Gewebebefund bei Zöliakie) hervorrufen können. Trotzdem wird dem gefährdeten Personenkreis immer noch empfohlen, auf Quinoa auszuweichen. Wie Sie jetzt wissen, kann das ein fataler Fehler sein.

 Noch einige Worte zu Kohlenhydraten

Ich persönlich benutze kein Quinoa, da es sehr viele Kohlenhydrate enthält. Ich würde immer dazu tendieren, Backwaren mit Mandel- oder Nussmehlen herzustellen, da diese gerade mal 1/10 der Menge an Kohlenhydraten haben. Ja, sie enthalten auch die 10-fache Menge Fette, aber darüber mache ich mir keine Gedanken. Ich esse nur geringe Mengen Backwaren, da Nuss- und Mandelmehl extrem satt machen (aufgrund des höheren Proteingehalts). Und im Salat bevorzuge ich Kürbiskerne.

Ganz ehrlich, ich finde, wir können auf eine Menge Kohlenhydrate in unserer Ernährung verzichten. Unser Körper wird es uns danken.

 

(1) Gluten Contamination of Grains, Seeds, and Flours in the United States: A Pilot Study.  http://www.andjrnl.org/article/S0002-8223(10)00234-8/abstract

(2) http://flexikon.doccheck.com/de/Gluten

(3) Variable activation of immune response by quinoa (Chenopodium quinoa Willd.) prolamins in celiac disease. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/22760575

12 Schritte wie Sie Ihr Immunsystem wieder unter Kontrolle bringen

Mehr als vier Millionen Deutsche leiden an einer Autoimmunerkrankung, das heißt ihr Immunsystem wendet sich gegen den eigenen Körper. Diabetes Typ I, Morbus Crohn, rheumatoide Arthritis, Multiple Sklerose und Hashimoto Thyreoiditis sind die bekanntesten Autoimmunerkrankungen. Aber auch bei Schizophrenie und Autismus vermutet man inzwischen autoimmune Ursachen.

Wenn Sie ebenfalls betroffen sind, ist es unabdingbar, dass Sie die Ursache für diese Autoimmunerkrankung herausfinden. Diese Ursache muss behandelt werden, damit die Symptome gestoppt und im besten Fall sogar wieder rückgängig gemacht werden können.

Schulmediziner behandeln nur die Symptome – zum Beispiel mit Medikamenten, die entzündungshemmend wirken oder das Immunsystem unterdrücken. In der Regel werden Sie Ihnen erzählen, dass es keine Möglichkeit gibt, diese Erkrankungen zu heilen und dass Sie die Medikamente Ihr Leben lang einnehmen werden müssen.

Das ist aber schlichtweg die falsche Herangehensweise, denn die auslösenden Faktoren werden nicht behandelt. Kurzfristig verschafft Ihnen so eine Therapie vielleicht Erleichterung, aber langfristig hilft sie Ihnen nicht weiter. Wenn Sie nur Symptome behandeln und die Ursache nicht abstellen, laufen Sie Gefahr, noch weitere Autoimmunerkrankungen zu entwickeln. Außerdem kann die längerfristige Behandlung mit immunsuppressiven Medikamenten (Medikamenten, die das Immunsystem unterdrücken) dazu führen, dass Sie an schweren Infektionen oder Krebs erkranken.

Es kann ein schwieriger Prozess sein, herauszufinden an welcher Autoimmunerkrankung Sie leiden. Die Symptome können unspezifisch sein – Müdigkeit, Abgeschlagenheit, Gliederschmerzen, Depression, Verdauungsprobleme – und die Schilddrüse, das Gehirn, die Haut oder andere Organe betreffen. Sie und Ihr Arzt müssen eine Menge Detektivarbeit leisten, um die mögliche(n) Ursache(n) herauszufinden. Welche Infektionen, Toxine, Nahrungsmittelallergien könnten ursächlich sein. Und wie sieht es mit einem Leaky Gut aus?

12 Schritte zur Diagnose und Therapie einer Autoimmunerkrankung:

  1. Prüfen Sie, ob versteckte Infektionen vorliegen – Pilze, Viren, Bakterien, Borelliose. Hierzu muss Ihr Arzt einige Labortests veranlassen. Bestehende Infektionen müssen natürlich behandelt werden.
  2. Verzichten Sie auf Nahrungsmittel, die Sie nicht vertragen. Entweder lassen Sie einen Allergietest durchführen oder Sie nehmen die Sache selbst in die Hand und machen für 30 Tage eine Eliminationsdiät. Bei dieser Diät verzichten Sie auf 8 Nahrungsmittel, die bei sehr vielen Menschen Unverträglichkeiten hervorrufen. Es handelt sich dabei um: Getreide, Milch und Milchprodukte, Nachtschattengewächse (Kartoffeln, Tomaten, Paprika u.a.), Eier, Soja, Zucker und Süßstoffe, Erdnüsse und Mais. Und keine Angst, es ist noch genug übrig, das Sie essen können.
  3. Lassen Sie sich auf Zöliakie testen. Ein Problem hierbei ist allerdings, dass eigentlich nur ein positiver Test Ihnen wirklich weiterhilft. Ein negativer Test schließt eine Glutenunverträglichkeit nicht aus. Ein Test auf Glutenunverträglichkeit wird nur von Cyrex Labs in den USA angeboten und ist für Deutschland nicht verfügbar. Da Gluten aber einer der Hauptverursacher des Leaky Gut Syndroms ist und dieses eine Vorbedingung für die Entwicklung einer Autoimmunerkrankung darstellt, sollten Sie eh darauf verzichten.
  4. Lassen Sie sich auf Schwermetallvergiftungen untersuchen. Quecksilber (zum Beispiel aus den beliebten Amalgamfüllungen) und andere Schwer-metalle können Autoimmunerkrankungen verursachen.
  5. Sind Sie in Ihrer Wohnung oder an Ihrem Arbeitsplatz Schimmelpilzen ausgesetzt? Auch diese können Autoimmunerkrankungen auslösen.
  6. Heilen Sie Ihre Darmschleimhaut.  Prädestiniert hierfür ist Knochenbrühe, weil Sie sämtliche Bausteine enthält, die Ihr Darm für die Reparatur benötigt. Glutamin (nicht Glutamat) als Nahrungsergänzung ist ebenfalls hilfreich.
  7. Essen Sie vermehrt Nährstoffe, die eine optimale Immunfunktion unterstützen. Hierzu zählen Nahrungsergänzungsmittel wie Fischöl (1 – 3 g DHA und EPA täglich), Vitamin C (2 – 5 g täglich), Vitamin D (5000 – 10000 IE täglich), Selen (200 mcg täglich), Zink (25 mg täglich). Zusätzlich zu hochdosiertem Vitamin D sollten Sie immer auch Vitamin K2 (200 mcg täglich) nehmen, damit es nicht zur Arterienverkalkung kommt.
  8. Essen Sie außerdem Nährstoffe, die ein gesundes Darmmikrobiom (die Bakterien in Ihrem Darm) unterstützen. Hierzu gehören fermentierbare Ballaststoffe aus Obst und Gemüse, die die guten Darmbakterien ernähren sowie fermentierte Nahrungsmittel (zum Beispiel Sauerkraut), die diese guten Bakterien enthalten.
  9. Treiben Sie regelmäßig Sport. Sport wirkt antiinflammatorisch solange Sie es nicht übertreiben. Also besser ein kurzes HIIT Training als langes konventionelles Ausdauertraining. Wichtig ist, dass Sie immer in Bewegung bleiben.
  10. Senken Sie Ihren Stresslevel durch Tiefenentspannung wie Yoga, Tai Chi, Atemübungen, Biofeedback oder Massage.
  11. Gehen Sie in die Sonne, und lassen Sie die Sonne an Ihre Haut. Das verbessert Ihre Versorgung mit Vitamin D , senkt Stress und macht gute Laune.
  12. Stellen Sie sicher, dass Sie rechtzeitig ins Bett gehen und genug Schlaf bekommen. Ihr Körper braucht diese Zeit, um sich zu regenierieren.

Wenn Sie diese Tipps befolgen, werden Sie feststellen, dass Ihr Gesundheitszustand sich deutlich bessert und Medikamente reduziert oder im günstigsten Fall sogar abgesetzt werden können. Es ist sicherlich mehr Arbeit, als nur schnell eine Pille einzuwerfen. Aber das sollten Sie sich wert sein.

 

 

 

 

 

12 Gründe warum Sie einen leckenden Darm haben könnten

Jede Krankheit beginnt im Darm (Hippocrates)

darmHippocrates hatte Recht, der Darm ist das Tor zur Gesundheit. Wenn Ihr Darm gesund ist, haben Sie gute Chancen auch sonst gesund zu sein.

Heute möchte ich mich mit einem Syndrom beschäftigen, dass unter dem Namen „Leaky Gut“ zusammengefasst wird, und das vielen Menschen eine Menge Ärger bereitet, ohne dass sie überhaupt wissen, dass sie es haben.

Leaky gut, oder in medizinischem Hochdeutsch vermehrte intestinale Permeabilität (= vermehrte Durchlässigkeit der Darmschleimhaut), ist ein Syndrom, das viele Mediziner für einen Mythos halten. Das verwundert schon sehr, denn eine PubMed Suche ergibt 5119 Ergebnisse für Studien, die nachweisen, dass dieses Syndrom nicht nur absolut real ist, sondern dass es auch vielfältige Auswirkung auf unsere Gesundheit hat.

Im Normalfall lässt die Darmschleimhaut nur sehr kleine Moleküle durch, um lebenswichtige Nährstoffe aufzunehmen. Tatsächlich ist die Regulierung der Durchlässigkeit der Darmschleimhaut eine der wichtigsten Aufgaben der Darmwandzellen. Diese Regulierung erfolgt über sogenannte Tight Junctions, das sind Verbindungen der Epithelzellen der Darmschleimhaut, die eine Barrierefunktion ausüben. Die Tight Junctions werden durch ein Protein namens Zonulin reguliert. Wird Zonulin aktiviert, öfnnen sich die Tight Junctions.

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Durch die Öffnung der Tight Junctions folgt, wie man sich nicht schwer vorstellen kann, eine erhöhte Durchlässigkeit der Darmwand, also ein Leaky Gut. Wenn der Darm durchlässig ist, gelangen Dinge in den Blutstrom, die dort eigentlich nicht hingehören. Das sind zum Beispiel Giftstoffe, Mikroben, unverdaute Nahrungsmittel und alles, was sich sonst noch so in Ihrem Darm tummelt. Ihr Immunsystem erkennt nun diese „Eindringlinge“ als Krankheitserreger und greift sie an. Handelt es sich bei diesen „Eindringlingen“ zum Beispiel um unverdaute Nahrungsmittel, dann werden Sie nach einiger Zeit eine Allergie auf diese Nahrungsmittel entwickeln. Und wenn Sie dann statt der betroffenen Nahrungsmittel etwas anderes essen, gelangt dies ebenfalls unverdaut in Ihren Blutstrom, und dann weiten sich die Nahrungsmittelallergien aus. So einfach ist das!

Im Lauf der Jahre entwickeln sich aufgrund des durchlässigen Darms dann ernsthafte Beschwerden. So werden besonders die chronisch entzündlichen Darmerkrankungen (Morbus Crohn und Colitis ulcerosa) mit dem Leaky Gut Syndrom in Verbindung gebracht. Genauso Allergien, Asthma und Autoimmunerkrankungen. Viele dieser Erkrankungen gelten als unheilbar. Wenn man die Ursache versteht, sind sie aber tatsächlich gut zu behandeln.

Was verursacht einen Leaky Gut?

Die Hauptschuldigen sind Nahrungsmittel, Infektionen und Toxine

  1. Gluten: Ist der Nahrungsbestandteil, der mit Abstand am häufigsten einen Leaky Gut auslöst. Das Gliadin Molekül führt zu einer Freisetzung von Zonulin und damit wie oben erklärt zu einer Öffnung der Tight Junctions. Eine 2006 erschienene Studie zeigt auf, dass dieser Effekt nicht nur bei Zöliakie Patienten auftritt, sondern auch bei einer gesunden Kontrollgruppe (1). Also in anderen Worten, Gluten löst – zumindest vorübergehend – bei jedem Menschen einen Leaky Gut aus.
  2. Lectine und Phytate: Sie kommen ebenfalls in Getreide aber auch in Hülsenfrüchten und Nüssen vor. Es handelt sich um Antinährstoffe, die die Nährstoffaufnahme verhindern, sich an die Darmschleimhaut anheften und zu Entzündungen führen. Durch richtige Zubereitung können diese Stoffe zum Teil inaktiviert werden. Wenn Sie Nahrungsmittel konsumieren, die diese Substanzen enthalten, so sollten Sie sie auf jeden Fall einweichen und ankeimen oder fermentieren, um den Schaden für die Darmschleimhaut möglichst gering zu halten.
  3. Milchprodukte: Das Milchprotein Casein weist eine große strukturelle Ähnlichkeit zu Gluten auf und kann vom Immunsystem fälschlicherweise mit diesem verwechselt werden. Dies gilt insbesondere für das in Kuhmilch größtenteils vorkommende A1-Casein (2). Das A2-Casein aus Ziegen- oder Schafmilch und einigen Kuhrassen schneidet besser ab.
  4. Alkohol: Schon Alkohol in Maßen (wie auch immer man das definiert) stört die Zonulinproduktion und verändert die Integrität der Darmschleimhaut. Dies führt zu einer Schwächung der Tight Junctions (3).
  5. Zucker: Darf in dieser Sammlung natürlich nicht fehlen. Zucker richtet im gesamten Körper Schaden an, aber vor allem im Darm. Zucker sorgt für vermehrtes Wachstum von Hefen, Pilzen und schlechten Bakterien, die den Darm schädigen.
  6. Infektionen: Die häufigsten infektiösen Ursachen sind Candidabefall, Darmparasiten und eine bakterielle Überwucherung des Dünndarms (SIBO = Small Intestinal Bacterial Overgrowth). Sie alle verursachen schwere Schäden in der Darmschleimhaut.
  7. Antibiotika: Längerfristige oder häufige Anwendung von Antibiotika kann sich schädlich auf die Darmflora auswirken, denn Antibiotika unterscheiden nicht zwischen guten und schlechten Bakterien sondern töten einfach alle ab. Dies kann dazu führen, dass die schlechten Bakterien die Oberhand gewinnen und es im Darm zu Entzündungen kommt. Um dies zu verhindern sollten Sie, wenn Sie Antibiotika wirklich einnehmen müssen, immer auch Probiotika einnehmen.
  8. NSAR: Nichtsteroidale Antirheumatika wie Ibuprofen oder Diclofenac sind häufig verwendete Schmerzmittel, die auch entzündungshemmend wirken. Sie sind jedoch schwer abzubauen, irritieren den Dünndarm und führen so zum Leaky Gut. Dieser Effekt tritt bei längerer Anwendung von NSAR auf (4). Unter Aspirin tritt keine erhöhte Permeabilität auf.
  9. Antazida: Medikamente, die die Magensäure hemmen und bei Sodbrennen und Reflux eingesetzt werden. Diese führen bei Langzeitanwendung häufig zu SIBO und Darmentzündungen. Beides Ursachen für einen Leaky Gut.
  10. Steroide: Wie zum Beispiel Prednisolon werden bei chronischen Entzündungen und Schmerzen verschrieben, um die Entzündungsreaktion im Körper abzuschwächen. Gleichzeitig erhöhen sie jedoch den Cortisolspiegel, was zu einer Schädigung der Darmwand führt.
  11. Stress: Chronischer Stress beeinflusst die Darmgesundheit (5). Genau wie bei der Einnahme von Steroiden kommt es auch hierbei zu einer Erhöhung der Cortisolkonzentration. Außerdem schwächt Stress das Immunsystem.
  12. Toxine: Umweltgifte wie zum Beispiel Quecksilber, Pestizide und BPA aus Plastik verursachen Entzündungen im Darm und öffnen die Tight Junctions. Leiden Sie außerdem noch unter Verstopfung, so haben die Toxine noch mehr Zeit ihre schädliche Wirkung zu entfalten.

Wie Sie sehen, führen viele ganz alltägliche Dinge zu einer erhöhten Durchglässigkeit im Darm. Es macht Sinn, gerade bei Erkrankungen wie zum Beispiel Allergien, Hashimoto Thyreoiditis (Autoimmunerkrankung der Schilddrüse), Rheumatoider Arthritis, entzündlichen Darmerkrankungen, Typ I Diabetes, aber auch bei Schizophrenie und Autismus einen sehr genauen Blick auf den Darm zu werfen. Ein Großteil dieser Erkrankungen ist mit einer Darmsanierung zumindest deutlich zu Verbessern, wenn nicht sogar heilbar.

 

(1)https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/16635908

(2)https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/17666771

(3)http://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0107421

(4)https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/3780475

(5)https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/22314561

Gluten – gefährlich nicht nur bei Zöliakie?

Glutenfreie Ernährung ist in aller Munde (wortwörtlich). Aber ist das jetzt eigentlich nur eine Modeerscheinung, etwas, womit die Nahrungsmit-telindustrie wieder ordentlich Geld machen kann, oder sollten wir alle uns tatsächlich Gedanken darüber machen, welche Auswirkungen der Glutenkonsum für unseren Körper hat?

Aber zunächst einmal: Was ist eigentlich Gluten? Gluten – oder besser gesagt – Glutene, sind eine Familie von Proteinen, die in Getreide vorkommen. Tatsächlich gibt es hunderte verschiedene Glutene, das bekannteste ist jedoch das α-Gliadin, das in Weizen, Roggen und Gerste vorkommt und der Auslöser für die Zöliakie ist. Neuere Forschungen zeigen aber, dass Glutene, die in anderen Getreiden vorkommen, teilweise noch schwerere Krankheitssymptome auslösen können als α-Gliadin. Wir halten also fest, wirklich glutenfrei bedeutet nicht, auf α-Gliadin zu verzichten, sondern es bedeutet einen Verzicht auf sämtliches Getreide.

Jetzt höre ich schon die Hausärzte aufschreien „so ein Quatsch! Die Zöliakie betrifft nicht mal 1 % der Bevölkerung“. Das ist zwar richtig, jedoch ist eine ausgewachsene Zöliakie nur die Spitze des Eisbergs. Und nur weil die Darmbiopsie negativ ausfällt (d. h. die Darmzotten nicht total zerstört sind), bedeutet das nicht, dass der Mensch Gluten verträgt. Dies wird den Patienten aber leider immer noch von den Kollegen versichert. Tatsache ist, dass der betreffende Patient womöglich unter einer sogenannten Non-Celiac-Gluten-Sensitivity (NCGS) leidet. Von diesem durch Gluten hervorgerufenen Symptomenkomplex sind nach neuesten Schätzungen inzwischen 40 – 60 % der Bevölkerung betroffen – Tendenz steigend.

Damit sind wir auch schon beim allergrößten Knackpunkt. Wie Alessio Fasano, Kindergastroenterologe und Chefarzt des Zentrums für Zöliakieforschung und Behandlung des Massachussetts General Hospitals es ausdrückt: „Kein Mensch kann Gluten verdauen.“ (1) Bei jedem einzelnen verursacht der Verzehr von Gluten einen Schaden in der Darmschleimhaut, der allerdings – da die Darmschleimhaut ein sehr regenerationsfreudiges Gewebe ist – innerhalb einiger Stunden wieder repariert wird. Dummerweise werden wir aber nicht müde, den Glutenvorrat immer wieder aufzustocken: Brot und Müsli zum Frühstück, Salat mit Croutons zum Mittagessen (plus Knobibrot), einen Muffin oder Kekse zum Kaffee, Nudeln oder Pizza zum Abendessen und noch ein paar Chips oder Salzgebäck abends zum Fernsehen. Sie können es sich vorstellen, nicht wahr.

Gluten bewirkt praktisch ein Aufbrechen von Tight Junctions in der Darmschleimhaut. Diese Verbindungen werden physiologischerweise z. B. bei einem Darminfekt geöffnet, um Giftstoffe möglichst schnell aus dem Darm zu entfernen. Werden diese Tight Junctions durch Gluten geöffnet kommt es zum sogenannten Leaky Gut oder in Medizinerhochdeutsch zur Erhöhten Intestinalen Permeabilität. Dies bedeutet, dass die Darmschleimhaut ihre Barrierefunktion verliert und Nahrungsbestandteile und Bakterientoxine ungefiltert in den Blutstrom gelangen. Wie man sich vorstellen kann, ist das keine gute Idee.

Dieser Mechanismus tritt wie gesagt bei jedem Menschen bei jedem Verzehr von Gluten auf. Zu Krankheitssymptomen kommt es, wenn es zu einem Verlust der oralen Toleranz kommt. Dieser Verlust tritt bei jedem Menschen früher oder später auf, wenn er nur genug glutenhaltige Nahrungsmittel zu sich nimmt. Und da Gluten nicht nur in den ganz offensichtlichen Nahrungsmitteln wie Backwaren und Nudeln zu finden ist, sondern die Nahrungsmittel- und Kosmetikindustrie Gluten den meisten Produkten hinzusetzt, werden die Mengen, die wir aufnehmen, täglich größer. Wenn man industriell gefertigte Nahrungsmittel kauft, ist es fast unmöglich Gluten aus dem Weg zu gehen. Leider versteckt es sich unter so vielen Bezeichnungen, das es sehr schwer ist, es gleich zu erkennen, oder hätten Sie gewusst, dass Geschmacksverstärker, Stärke Emulgatoren und natürliche Aromen gerne Gluten enthalten?

Das Perfide an Gluten ist, dass es aber außer bei der Zöliakie nicht unbedingt sofort Symptome hervorruft, die man auf den Verzehr von Gluten zurückführen würde. Was das angeht, sind von Zöliakie Betroffene also sogar im Vorteil, weil schneller eine Verbindung zwischen Erkrankung und Symptomen hergestellt wird. Wie Dr. Tom O’Bryan, Experte für Zöliakie und NCGS, erklärt, bricht die Kette immer in ihrem schwächsten Glied, d. h. nur für einen Teil der Individuen ist es der Darm, andere reagieren mit Migräne, Schizophrenie oder MS, wieder andere mit Autoimmunerkrankungen, Allergien oder Infertilität. (2)(3)

Nehmen wir all das zusammen, kommt man nicht umhin festzustellen, dass der Verzehr von Gluten eigentlich niemandem anzuraten ist. Oder macht Ihnen Russisches Roulette Spaß? Hält man dagegen, dass Gluten selbst überhaupt keinen Nährwert hat und dass gerade die glutenhaltigen Getreide künstlich mit Vitaminen und Spurenelementen angereichert werden müssen, damit sie nicht zu einer Mangelernährung führen, dann sollte es eigentlich leicht fallen, auf Getreide zu verzichten. Und wer sich dann über fehlende Ballaststoffe Gedanken macht, sollte es einfach mal mit einem großen Salat versuchen. So viel leckerer und einfach viel gesünder!

 

(1) http://www.massgeneral.org/doctors/doctor.aspx?id=19184#

(2) http://thedr.com/all-about-gluten/articles/the-conundrum-of-gluten-sensitivity-why-the-tests-are-often-wrong-purring-vs-rumbling/

(2) https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/26260366